Der Zirkus-Verrückte

von Redaktion

Bohdan Zavalishyn verzaubert als Hauptfigur Fleur im Cirque du Soleil

Der Hofnarr wird König: Fleur (Bohdan Zavalishyn) kann im Stück „Alegría“ sein Glück nicht fassen. © Andy Paradise

Atemberaubende Stunts bieten die Artisten auf dem 25 Meter langen „Power Track“-Trampolin dar. © Andy Paradise

Augenzwinkern hinter den Kulissen: „Alegría“-Hauptdarsteller Bohdan Zavalishyn. © Johannes Löhr

Diesem Fleur müssen die Herzen einfach zufliegen. Aus dem Nichts wird der Paradiesvogel im roten Rock zum König gekrönt, wenig später vollführt er die atemberaubendsten Trampolin-Sprünge. Er schlendert locker zum Bühnenrand, hockt sich hin, erblickt ein Kind in der ersten Reihe – und streckt ihm kackfrech die Zunge raus. Der Bub quietscht vor Vergnügen. Fleur schenkt ihm ein Augenzwinkern.

Dieses Augenzwinkern sieht man auch jetzt auf dem Gesicht von Bohdan Zavalishyn. Die Regenbogen-Schminke ist weg, der rote Rock, die wirre Perücke, die ihm die Kostümbildner des Cirque du Soleil aus echtem Yak-Haar gebastelt haben. Aber das Augenzwinkern bleibt ihm auch in Trainingshose und Sweatshirt, wie er da im Backstage-Bereich in Paris sitzt. Noch bis Sonntag gastiert der Cirque du Soleil mit seiner legendären Show „Alegría“ auf der Seine-Insel (wir berichteten), dann reisen Zelt und Artisten nach München, wo am 5. Februar auf der Theresienwiese Premiere ist. Und Monsieur Fleur, die Hauptfigur, wird auch dort verzaubern.

Wobei Zavalishyn zugibt: „Es gibt Kinder, die rasten vor Furcht aus, wenn ich Faxen mache: ,Mama!‘ Aber ich kann nicht anders. Sogar in der U-Bahn. Wenn mich ein Kind anstarrt: Zunge raus!“ Er grinst. Ein bisschen Zirkus-verrückt muss man schon sein für so ein Leben im Zelt – und Zavalishyn war es schon immer, womöglich schon als Fünfjähriger, als er in seinem Heimatland Ukraine mit dem Turnen begann. „Die Figur Fleur erinnert mich an mich als Kind – ich hatte auch so einen Freiheitsdrang.“

Zunächst einmal wurde er Leistungssportler – so wie viele seiner Kollegen, die während der zweistündigen Show Stunts darbieten, dass einem Hören und Sehen vergeht. Das Niveau von Olympioniken, brüstet sich der Cirque, nur dass die alle vier Jahre für zwei Minuten die Top-Leistung abrufen müssten, die „Alegría“-Artisten zweimal am Tag. Freiheitsdrang und Neugier brachten Zavalishyn zum Zirkus – 2008 wurde er Teil der Cirque-du-Soleil-Familie.

Und wie in einer Familie wurde er dort gefördert. „Anfangs war ich bei ,Alegría‘ in der Artisten-Truppe“, erzählt er. „Aber Fleur hat mich schon immer fasziniert – und während der Pandemie habe ich mich um die Rolle beworben.“ Die kreativen Chefs in Kanada nahmen ihn nicht nur, sie ließen ihn die Rolle weiterentwickeln. „Das ist immer noch nicht abgeschlossen“, sagt der Autodidakt lachend. Sein komödiantisches Talent hilft ihm dabei.

In gewisser Weise ähnelt Zavalishyn damit der Figur Fleur, die ihrerseits eine Verwandlung durchmacht. Der Hofnarr gerät am Anfang ins Zentrum der Macht, muss aber immer mehr davon abgeben, bis am Ende die Erkenntnis steht, dass es wichtigere Dinge im Leben gibt. Auf den schlecht frisierten Glücksritter angesprochen, der die echte Welt derzeit in Atem hält, grinst Zavalishyn: Trump komme manchen hier in den Sinn. „Aber generell sind wir null politisch. Wir kommen aus aller Herren Länder, hier werden 17 Sprachen gesprochen. Mit meinen russischen Kollegen zum Beispiel arbeite ich schon länger zusamen, als der Ukraine-Krieg dauert. Wir sind eins, auf und hinter der Bühne.“

Zusätzlich zu seiner Hauptrolle ist Zavalishyn Coach der Trampolin-Artisten. „Nicht dass die das nötig hätten, wir arbeiten nur an kleinen Details.“ Abgesehen davon gebe es – wie in jeder Familie – einen gesunden Wettstreit. „Ich bin mit 40 Jahren der Älteste. Da schubsen mich die Kids natürlich ab und zu und sagen: Probier mal diese oder jene Nummer aus. Ich liebe das.“ Für die Zukunft überlegt er sich aber, vom artistischen vollends ins kreative Fach zu wechseln. „Diese Kompanie lässt einen wachsen.“

Viele Artisten reisen übrigens mit ihrer echten Familie herum – die lebt mit im Zirkus. Zavalishyn hielt es früher auch so, bis er mit dem Cirque du Soleil nach Orlando, Florida, kam und sich dort niederließ. Seine Frau und seine drei Kinder warten nun, bis ihr Faxenmacher wieder heimkommt. „Mein Sohn will übrigens auch Artist werden“, sagt er und ins Augenzwinkern mischt sich Stolz. Die Zirkus-Verrücktheit, sie ist erblich.JOHANNES LÖHR

Cirque du Soleil: „Alegría“

vom 5. Februar bis 8. März.
Karten: www.cirquedusoleil.com.

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