PREMIERE

„Amadeus“ für Arme

von Redaktion

Rolando Villazón scheitert in Salzburg an der „Zauberflöte“

Stress im Hause Mozart: Szene mit Theodore Platt (Papageno, v.li.), Vitus Denifl (Wolfgang Amadé), den drei Knaben, Constanze (Victoria D‘Agostino) und Tamino (Magnus Dietrich). © Werner Kmetitsch

Franz Xaver ist noch nicht sauber, mit ein paar Monaten Lebenszeit geht das auch schlecht. Aus der Windel müffelt’s, Mama Constanze ist genervt bis überfordert – Papa Wolfgang Amadé sitzt schließlich wieder mal am Flügel. Und kümmert sich nicht um die beiden Söhne, sondern ums Requiem. Es sind seine letzten Stunden, die wir verfolgen. Ein Komponist, gezeichnet von einer Krankheit. Ein Genie, das sich plötzlich in seinem eigenen Werk wiederfindet. „Szenen einer Ehe“ trifft „Zauberflöte“, Vorabend-Soap trifft Oper. Und der Mehrwert? Das ist das Problem.

Rolando Villazón, Noch-Sänger, Intendant der Salzburger Mozartwoche und hier auch Regisseur, hat sich für diese Premiere Gedanken gemacht. Ein Komponistenleben mit dem Stück überblenden, da ist er nicht der Erste. Kollege Stefan Herheim tut das gern, Claus Guth hat aus dem Konzept einst eine geniale Aufführung von Schuberts unaufführbarem „Fierrabras“ destilliert. In Salzburg, im Haus für Mozart, geht so etwas gründlich schief.

Mozart (Vitus Denifl) und Constanze (Victoria D’Agostino) sind ständig und stumm anwesend, Sprösslinge inklusive. Im Fiebertodeswahn imaginiert sich Amadé als Teil seines Opernhits, und doch berühren sich beide Ebenen kaum. Das Biografische bleibt Dekor, stört auch zunehmend. Einer der intimsten Momente, Papagenos und Paminas Duett „Bei Männern, welche Liebe fühlen“, wird atmosphärisch gar ruiniert – und queer nachgerüstet. Statt „Mann und Weib“ singen beide von „Mann und Mann“. Ach ja.

Vor dem ersten Ouvertüren-Takt klimpert Mozart an seinem letztlich unvollendeten Requiem, im Finale erklingt vor dem Schlusschor das komplette Lacrimosa. Der Eingriff heuchelt Belang. Der Komponist fährt gen Bühnenhimmel, um sich plötzlich das Leichenhemd vom Leib zu reißen und im roten Wams luftige Purzelbäume zu drehen. Nicht nur Dramaturgenkrampf ist das, sondern Wolferl-Klischee. Ein Bedeutung suggerierender Abend endet als szenische Mozartkugel.

Wobei das Inhaltliche gar nicht Problem Nummer eins ist. Villazón, der alles im kargen Bühnenbild von Harald Thor mit wenigen verschiebbaren Elementen spielen lässt, fehlt das Regie-Handwerk. Die Aufführung findet kaum zu Timing und Rhythmus, die Dialoge legen sich lähmend über die drei Stunden. Im Papageno verwirklicht sich Villazón offenkundig selbst, immerhin hat er ihn schon gesungen. Theodore Platt muss mit kernigem Bariton einen schwer aufgekratzten Vogel-Freak geben, in der Pause hätte man ihm gern Betablocker in die Garderobe gebracht.

Die Besetzung ist bedingt festspielwürdig. Franz-Josef Selig ist ein vokal ergrauter, aber nuancierter und präsenter Sarastro, Emily Pogorelc eine robuste Pamina, kein Seelchen. Kathryn Lewek (Königin der Nacht) gibt eine Spitzentonschleuder mit gedecktem Klang. Sehr überzeugend ist Magnus Dietrich: kein Säusler, sondern ein viriler, heldisch legierter, dennoch flexibler Tamino. Paul Schweinester als Manostatos (so steht’s im „Zauberflöten“-Autograf) ist der Einzige, der Schauspiel-Qualität in den Abend bringt – er hat sich wohl von Villazón emanzipiert. Letzterer dachte sichtlich an das Drama von Peter Shaffer und den Film von Milos Forman. Das Ergebnis: „Amadeus“ für Arme.

Doch immerhin gibt es den Mann des Abends. In jedem Takt ist wieder zu hören: Chefdirigent Roberto González-Monjas ist ein Glücksfall fürs Mozarteumorchester. Wir erleben: Intensität und Energie bedeuten nicht Überhitzung der Partitur. Der Spanier, als Geiger sozialisiert, lässt sich manchmal Zeit, um die Schätze, kleine Pointen und Entwicklungslinien hörbar zu machen. Man versteht, wie sehr das Stück im Volkstum wurzelt. Und gleichzeitig, warum die „Zauberflöte“ 1791 als „große Oper“ angekündigt war. González-Monjas ist kein Dirigent der Widerborstigkeit, sondern der Lust. Tempi und Agogik sind in schlüssiger Balance. Das Mozarteumorchester zeigt da, auch mit Blick auf die Sommerfestspiele, wer in Salzburg Platzhirsch in Sachen Namensgeber ist. Villazón wird gefeiert, González-Monjas ebenso und zu Recht. Letzterer hat diese Inszenierung nicht verdient.

Weitere Vorstellungen

am 27., 30. Januar und 1. Februar; Stream am 23.1. auf „Stage +“; Infos zum Programm der Mozartwoche und zum Vorverkauf unter mozarteum.at.

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