PREMIERE

An der Grenze zur Sprachlosigkeit

von Redaktion

Simone de Beauvoirs „Ein sanfter Tod“ als Theaterfassung im Marstall

Stark: Sibylle Canonica (li.) und Barbara Horvath. © S. THEN

Manchmal zerren sie aneinander. Dann wieder scheinen sie zu tanzen oder zu ringen: die todkranke Mutter in dem alten eisernen Krankenhausbett und eine der beiden Töchter, die ihr Sterben begleiten. Wenn sie sprechen, sind es die situationstypischen, meist linkischunpassenden Sätze, die aber in ihrer Hilflosigkeit vielleicht das einzig Passende sind bei dieser äußersten, buchstäblichen Grenzerfahrung des Todes, die uns alle ganz fundamental überfordert.

Im Marstall des Münchner Residenztheaters setzt Regisseurin Lisa Stiegler stark auf Körpersprache, auf Bewegung, die innere Bewegtheit spiegelt. Und sie setzt auf Klänge in ihrer Inszenierung von Simone de Beauvoirs Prosatext „Ein sanfter Tod“, in dem die berühmte französische Autorin die letzten Wochen ihrer Mutter schildert.

Ja, dort, wo es dem Menschen die Sprache vollends verschlägt, die sich als unzureichendes Ausdrucksprovisorium erweist, wird der Abend immer mal zum reinen Klangspiel: Frösche quaken, Straßenlärm und Kinderstimmen dringen von fern her. Der Geräuschemacher Max Bauer bürstet live auf Kissen herum, dreht an einer Kurbelkaffeemühle, lässt Kleiderbügel klappern – aber plötzlich fällt eine schwere unsichtbare Eisentür ins Schloss, und jeder versteht sofort, was gemeint ist. Dann setzt starkes Regenrauschen ein, und man ist fast froh, um diesen melodramatischen Akzent, weil er ein bisschen Weltlichkeit zurückbringt in die sehr eindringliche Entrückungs-Atmosphäre dieses Trauer-Kammerspiels mit seiner puristischen Schwarz-Weiß-Optik.

Getragen wird der packende Abend aber von zwei großartigen Darstellerinnen: Sibylle Canonica und Barbara Horvath spielen abwechselnd die Mutter und die beiden Töchter, wobei die Figuren momentweise immer wieder ununterscheidbar zu verschmelzen scheinen. Ja, der Canonica gelingt es sogar, im schmerzensreichen Antlitz der Todkranken kurz eine Art Schalk aufblitzen zu lassen, der das Paradox unserer Endlichkeit beleuchtet. Begeisterter Beifall.ALEXANDER ALTMANN

Nächste Vorstellungen

am 29. Januar, 6. Februar und
8. März; Telefon 089/ 21 85 19 40.

Artikel 2 von 11