„Seien Sie stolz darauf“, fordert Odile Gakire Katese die Festgäste auf.
Eine Schule des Sehens entwickelt die Soziologin Eva Illouz in ihrem Vortrag.
Gruppenbild mit Intendant Andreas Beck (ganz links): die Mitwirkenden des schönen Festakts „75 Jahre Residenztheater“ gestern auf der Bühne des Hauses. © Joel Heyd/Residenztheater (3)
Am Ende dieses wunderbaren Festakts anlässlich der Wiedereröffnung des Neuen Residenztheaters vor 75 Jahren in München singen Katrin Auer, Maria Helgath und Lea Reichel „Kumm geh weida“. Michael Gumpingers Komposition stammt aus den „Gschichtn vom Brandner Kaspar“, dem Volksstück von Franz Xaver Kroetz, dessen Vorstellungen im Haus immer, also wirklich immer, ausverkauft sind (siehe Seite 21). In der Nummer heißt es unter anderem „Die ganze Welt spuilt heit für di“. Und – kommt es nicht dem Paradies (in das hineinzukommen es dem Brandner schließlich arg pressiert) gleich, dass wir eben diesen Zustand Tag für Tag erleben können? Nicht nur „heit“, nein: Täglich spielt das Ensemble des Staatsschauspiels für uns, sein Publikum. Es bringt dabei die „ganze Welt“ auf die Bühne, seit 75 Jahren auch im Neuen Residenztheater, das am 28. Januar 1951 mit Ferdinand Raimunds „Der Verschwender“ wiedereröffnet wurde.
Welch enormes Glück wir mit einem solchen Angebot haben, das macht an diesem Vormittag Odile Gakire Katese besonders deutlich, die in ihrer emotionalen, sehr persönlichen Rede von ihrer Hoffnung berichtet, in ihrer Heimat Ruanda eines Tages „endlich das allererste Theater zu bauen. Ein Theater, das ein Zufluchtsort für unsere vom Aussterben bedrohten kulturellen Schätze wäre.“
Es ist Intendant Andreas Beck und seinem Team gelungen, eine schöne, schlüssige Dramaturgie für diese Matinee zu entwickeln. Denn diese zwei Stunden sind ebenso eine Feier des Hauses wie sie ein Nachdenken sind über das Wesen der Bühnenkunst, ihre Relevanz. Und ein kleines bisschen Leistungsschau ist der Festakt auch, schließlich hat man fantastische Talente am Haus: Juliane Köhler (mit dem Prolog aus „Wallensteins Lager“), Vassilissa Reznikoff (mit ihrem Abräumer „Cabaret“ aus der gleichnamigen Produktion) und ihrer beider Schauspielkollege Oliver Stokowski mit dem „Hobellied“, eben aus „Der Verschwender“, stehen mit ihren Auftritten stellvertretend für alle. Es ist also ein Programm, das Herz und Hirn kitzelt.
Mit der Verpflichtung von Eva Illouz als Festrednerin ist den Verantwortlichen zudem ein echter Coup geglückt. Die französisch-israelische Soziologin gehört zu den führenden Intellektuellen unserer Gegenwart; mit ihrem unlängst bei Suhrkamp publizierten Essay „Der 8. Oktober“ hat die 64-Jährige eine glasklare Analyse des Antisemitismus in scheinbar progressiven Mileus nach dem Angriff der Hamas-Terroristen auf Israel vorgelegt.
Fürs Residenztheater begibt sie sich nun „Zwischen Teiresias und Ödipus“, ruft also den blinden Seher und jenen Mann, der sich selbst blendet, nachdem er die Wahrheit erkannt hat, als Zeugen auf. Illouz entwickelt, ausgehend von der Feststellung, dass die Bühnenliteratur viele blinde oder visuell eingeschränkte Figuren kennt, ihre Schule des Sehens, die sie auf andere Dramen sowie weitere Disziplinen der Kunst ausweitet.
„Wenn wir erblinden wie Teiresias, können wir kein Theaterstück sehen. Wenn wir aber die Augen von Ödipus haben, werden wir blind für die tieferen Wahrheiten sein.“ Dieses Dilemma werde im Schauspiel ausgestellt. Mehr noch: Die „indirekte, stilisierte Wahrheit“ der Kunst mache die „absolute Wahrheit“ erst erträglich: „Die Kunst erlangt Wahrheit durch Illusion“, sagt die Soziologin.
Und Odile Gakire Katese, die in Ruanda die Compagnie Professional Dreamers leitet, weiß natürlich, wovon Illouz spricht. „Was Sie hier haben“, ruft Katese den Festgästen zu, „ist kein Luxus. Es sind Ihre Wurzeln, es ist Ihre Identität.“ Was für eine zauberhafte Wahrheit!MICHAEL SCHLEICHER