Krone oder Mann? Im zweiten Akt schlüpft Turandot (Emily Newton) in die Rolle von Elisabeth I. © Pedro Malinowski
„Gehilfin des Mannes“, die Gattin „an Häuslichkeit und Sparsamkeit gewöhnt“, die Ermahnung „Widerstand reizt die Kräfte, kluge Nachgiebigkeit pflegt”: Alles Tipps, mit denen die Frauen des 19. Jahrhunderts in die Ehe geschickt wurden. Umso fataler, wenn selbstbewussten Damen die Zweifel 24 Stunden vor der Hochzeit kommen: Das Leben aufgeben zugunsten des Kerls? Die Zwickmühle ist Ausgangspunkt eines Puccini-Abends am Staatstheater Nürnberg, bei dem man das Stück, „Turandot“, nicht wiedererkennt. Was, das zeigt das bejubelte Ergebnis, nicht unbedingt schlecht sein muss.
Die Titelheldin ist hier Fast-Braut in einer Großbürgersippe. Regisseurin Kateryna Sokolova unternimmt einen riskanten Versuch. Sie will erklären, warum sich Turandot gegen Männer panzert. Im Original stellt sie ihren Freiern bekanntlich unlösbare Rätsel. Falsche Antwort, Rübe runter – bis Calaf kommt. In Nürnberg tut sie das nicht als chinesische Prinzessin, sondern als Elisabeth I., englische Königin. Und plötzlich sieht der Puccini-Abend so aus, als sei man in eine Belcanto-Oper Donizettis à la „Roberto Devereux“ geraten.
Die Turandot von Regisseurin Sokolova imaginiert sich in wesensverwandte Frauen hinein. In die, wie sie damals genannt wurde, „jungfräuliche Königin“, in die Holofernes mordende Judith, in Medusa und auch in Eva, der kurzzeitig der Apfel lieber als Adam war. Dazu gibt es ein stummes, tanzendes Turandot-Double (die wunderbare Stephanie Roser), das fast pausenlos dabei ist. Nikolaus Webern hat die schnell wandelbare Bühne geschaffen, die Kostüme von Constanza Meza-Lopehandia sind so erlesen wie treffend.
Klingt alles komplex und verkopft, ist es teilweise auch. Und doch wird man gebannt von diesem Bilderbogen der in die Enge getriebenen Frauen, zumal Kateryna Sokolova alles mit versiertem Regie-Handwerk realisiert. Zu geschätzten 85 Prozent geht der Abend auf. Dass Logik und Stringenz manchmal gefährdet sind, dass alles ins Episodenhafte driftet, nimmt man in Kauf. Dafür gelingt Sokolova quasi über Bande eine Psychologisierung der Hauptfigur, die in anderen Aufführungen Flachrelief bleibt. Eine eigentümliche Mixtur aus Realismus, (Alb-)Traum, Märchen und Historiendrama, dies mit szenischer Fantasie umgesetzt. Emily Newton singt die Killerhauptpartie mit klug kontrollierter Soprankraft. Kein Ton bricht aus, alles ist Gestaltung, kein Imponiergehabe. Chloë Morgan kontrastiert dazu als lyrisch-herbe Liù, Ragaa Eldin ist ein vokal muskulöser, angemessen heldischer Calaf. Dass einem die Partitur nicht um die Ohren fliegt, verhindert Dirigent Jan Croonenbroeck. „Turandot“ ist ein lautes Stück, erst recht im akustisch heiklen Nürnberger Haus. Und doch ist fast alles kanalisiert, balanciert, von der Staatsphilharmonie flexibel gespielt. Man erlebt Eruptives, aber keinen Radau. Croonenbroeck ist auf der zügigen Seite unterwegs, dem Ensemble inklusive plastisch und präzise singendem Chor ist er ein exzellenter Lotse.
Über der Vollendung von „Turandot“ erlag Puccini seinem Krebsleiden. Gespielt wird in Nürnberg fast das komplette, von Franco Alfano nachkomponierte Finale, normalerweise gibt es (wenn überhaupt) die Kurzfassung. Die Wandlung Turandots von der zweifelnden zur ehelustigen Frau kann damit schlüssig gezeigt werden. Am Hochzeitstag darf die Großbürgersippe aufatmen. Aber ob das Paar glücklich wird? MARKUS THIEL
Nächste Vorstellungen
am 27., 30. Januar, 1., 8., 15., 23. Februar; Tel. 0911/ 660 69 60 00.