Jetzt mal im Ernst

von Redaktion

Pianist Jan Lisiecki mit einem ungewöhnlichen Tanz-Programm im Prinzregententheater

Ohne Verharmlosung spielte Jan Lisiecki. © C. Koestlin

„Kennen Sie fröhliche Musik?“, fragte Franz Schubert einst rhetorisch – und antwortete sogleich: „Ich kenne keine.“ Ein Satz, der zunächst quer steht zu einem Abend unter dem Motto „World (of) Dance“. Denn Tanz wird gemeinhin mit Leichtigkeit und Unbeschwertheit verbunden. Nicht nur Schuberts 16 „Deutsche Tänze“ unterlaufen diese Erwartung. Jan Lisiecki spielt sie im Prinzregententheater nicht als harmlose Gesellschaftsstücke, sondern als fein gebrochene, tiefschürfende Charakterminiaturen. Das Tänzerische bleibt präsent, doch immer nach innen gewendet. Kein Schwung ohne Ernsthaftigkeit.

Schon Bohuslav Martinůs „Drei tschechische Tänze“ verweigern sich zu Beginn jeder Tanzseligkeit. Witzig und rhythmisch pointiert, zugleich durchtrieben und nie effektvoll hält Lisiecki alles unter Spannung. Geografisch noch weiter weg führen Alberto Ginasteras „Danzas Argentinas“. Vor allem der „Danza del gaucho matrero“ wirkt in seiner Rasanz und rhythmischen Schärfe fast technoid: Tanz als Grenzerfahrung. Karol Szymanowskis „Vier polnische Tänze“ sind folkloristisch grundiert, aber so stark in die Virtuosität absoluter Musik enthoben, dass der Tanz oft nur noch zu erahnen ist. Besonders überzeugend: Béla Bartóks „Rumänische Volkstänze“. Oft gespielt, oft unnatürlich derb zugerichtet – Lisiecki findet auch hier einen ungeahnten doppelten Boden.

Nach der Pause weiteres bekanntes Repertoire, freilich nicht immer mit Tiefgang. Chopins populärer Es-Dur-Walzer bleibt allzu gefällig. Dem stellt Lisiecki Brahms entgegen: den kurzen gis-Moll-Walzer op. 39 Nr. 3, von großer Weite und leiser Sehnsucht. Diese Tiefe geht im Chopin-Walzer As-Dur op. 34 Nr. 1 und auch in der Polonaise op. 53 weitgehend verloren. Umso einnehmender Chopins a-Moll-Walzer op. 34 Nr. 2, von inniger Ruhe, wenn auch mitunter etwas zu schlank im Legato. Brahms’ Walzer op. 39 Nr. 15 – ein weiterer Schlager – fängt diese Stimmung auf.

Lisiecki versteht Tanz nicht als Unterhaltungsmusik. In de Fallas „Ritual Fire Dance“ fordert er diese Kunstform dämonisch heraus, von eindrucksvoller Intensität. Und selbst Piazzollas berühmten „Libertango“ nimmt Lisiecki mit unerbittlichem Ernst, ohne jedes Augenzwinkern. So behält Schuberts Satz am Ende seine irritierende Gültigkeit: Fröhlich ist diese Tanzmusik nicht. Aber sie hat Gewicht. WILLI PATZELT

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