Und plötzlich steht Papa vor der Tür

von Redaktion

Alena Schröder legt mit „Mein ganzes Leben“ den letzten Teil ihrer Buch-Trilogie vor

Identität, Loyalität, Selbstverwirklichung: All das behandelt Schriftstellerin und Journalistin Alena Schröder im Finale ihrer Trilogie über die Familie Borowski. © VANESSA WUNSCH

Es sind die großen Fragen, die Alena Schröder in ihren Romanen rund um die Familie Borowski verhandelt: die Frage der Identität zum Beispiel, wie findet man die eigene zwischen abwesenden Vätern und verschlossenen Müttern? Die Frage der Blutsverwandtschaft und des Konzepts „Familie“ und warum sich das nur manchmal überschneidet. Und die Frage, wo man steht zwischen der Loyalität zu Menschen, denen man alles verdankt, und dem Wunsch nach Selbstverwirklichung.

Hannah jedenfalls, die letzte verbliebene der Borowski-Frauen, stellt sich im dritten Teil dieser lose zusammenhängenden Trilogie all diese Fragen, als ihr Vater, der in ihrem Leben nie eine Rolle gespielt hat, plötzlich vor der Tür steht. Schnell wird ihr klar, dass dahinter mehr stecken muss als eine Lebenskrise ihres Erzeugers – und unversehens findet sie sich wieder in einem Chaos aus plötzlichem Familienzuwachs und gleichzeitigem Verlust dessen, was ihrem Leben zuvor Stabilität gegeben hatte.

Ganz ähnlich war es 80 Jahre zuvor dem Mädchen Marlen gegangen, dessen dramatische Erlebnisse während des Kriegsendes und der Nachkriegszeit in der DDR in einem zweiten Erzählstrang ausgebreitet werden. Marlen stellt sich dieselben Fragen wie später Hannah, als sie im Jahr 1945, knapp dem Tod entronnen und auf der Flucht vor russischen Soldaten, in eine Art Schicksalsgemeinschaft hineinstolpert und rasch zum unverzichtbaren Bindeglied eines fragilen Konstrukts wird, das mehr als einer Person das Überleben sichert.

Wie nun aber die Schicksale von Marlen und Hannah zusammenhängen, welche Antworten die beiden jeweils auf ihre Fragen finden und welch ungeheure Konsequenzen vermeintlich banale Entscheidungen haben können, erzählt „Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel“, und wirkt dabei nicht überfrachtet. Im Gegenteil: Nach „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ und „Bei euch ist es immer so unheimlich still“ rundet Alena Schröder nun die Geschichte der Borowski-Frauen ab. Ihr gelingt das Kunststück, gleichzeitig ein Werk zu schaffen, das für sich allein steht, als auch die letzten losen Erzählfäden der beiden vorangegangenen Romane aufzunehmen und in das Gesamtbild einzufügen.

Diese etwas schiefe Metapher sei verziehen, wird doch in „Mein ganzes Leben…“ beinahe nebenbei auch noch geklärt, was denn nun mit dem geheimnisvollen Gemälde geschehen ist, das dem ersten Teil der Familientrilogie seinen Namen gegeben hat: das Bild der jungen Frau, die im blauen Kleid am Fenster steht. Und das sich auch im Titel des nun erschienenen dritten Teils wiederfindet. Ein Gesamtkunstwerk also, zweifellos.JOHANNA SCHULTHEISS

Alena Schröder:

„Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel“. dtv, München, 352 Seiten; 23 Euro.

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