Liebe und Grausamkeit: Tuti Cedeño und Stefano Gallelli. © Jeanette Bak
Stampfende Füße, eruptive Sprünge, kollektives Innehalten: Akram Khan choreografierte für die und mit der Stuttgarter Kompanie Gauthier Dance den Abend „Turning of Bones“. © Jeanette Bak
„Ein Choreograf gräbt seine eigenen Knochen aus und sortiert sie neu“ – selten hat ein Satz aus einem Programmheft einen Tanzabend so treffend vorweggenommen. Mit „Turning of Bones“ gastierte Gauthier Dance an zwei ausverkauften Abenden in der Muffathalle und konfrontierte das Publikum mit einem Werk, das zunächst verstört, dann fesselt – und lange nachwirkt.
Akram Khan, britischer Weltstar mit bengalischen Wurzeln, bestätigt sich einmal mehr als Choreograf von philosophischem Tiefgang. Seine Arbeiten kreisen um Übergänge – zwischen Leben und Tod, Körper und Geist, Diesseits und Jenseits. Als kompromissloser Genresprenger verbindet er westliche Zeitgenossenschaft mit Kathak, sufitischer Ekstase und ritueller Körperlichkeit – nicht eklektisch, sondern mit unverkennbarer Handschrift.
Für „Turning of Bones“ begibt sich Khan mit den 16 Tänzern der Stuttgarter Kompanie auf eine metaphysische Reise nach Madagaskar. Ausgangspunkt ist der Totenkult Famadihana, bei dem die Gebeine der Vorfahren aus den Gräbern geholt werden, um die Verbindung zwischen den Welten zu erneuern. Über drei Spielzeiten entstand ein Werk, das zugleich Rückschau ist. Fünf frühere Arbeiten verdichten sich zu einer neuen Einheit, zusammengehalten von Aditya Prakashs eindringlicher Komposition.
Das Ergebnis ist ein verstörendes Szenario zwischen Opferung und Geopfertwerden, archaischer Gewalt und spiritueller Transzendenz. Der Vergleich mit einem „Sacre du Printemps“ des 21. Jahrhunderts drängt sich auf – weniger als Zitat, mehr als Haltung. Khans Stücke verbinden kraftvoll-virtuose Physis mit emotionaler Fragilität und stellen existentielle Fragen. Kerngedanke ist, dass Spiritualität im Körper ihren Ursprung hat – nicht aus Verklärung, sondern aus Physis. Stampfende Füße, eruptive Sprünge, kollektives Innehalten.
Visuell arbeitet die Inszenierung stringent: Ein Vorhang verwandelt sich je nach Licht in Spinnweben, durchtrennte Sehnen oder eine durchlässige Membran zwischen den Welten. Die farbenprächtigen Kostüme von Gudrun Schretzmeier setzen zur morbiden Thematik einen irritierenden Kontrast.
Im Zentrum steht eine beklemmende Ménage à trois: Giovanni Visone als manipulativer Anführer, Tuti Cedeño als Geliebte und Tochter zugleich, Stefano Gallelli als zum Opfer bestimmter Vater. Alle drei agieren tänzerisch wie darstellerisch auf höchstem Niveau. Um sie herum formiert sich das Ensemble zu einem einzigen Organismus – geschlossen und unerbittlich. In eindrucksvollen Kanons verwandelt sich das Corps in Spinnenwesen, Quallen oder einen sich kollektiv erhebenden Vogelschwarm.
Ist die Beziehung des Paares von offener Gewalt geprägt – ein Kuss kippt blitzartig in einen Würgegriff –, so zählen die Duette zwischen Vater und Tochter zu den eindringlichsten Szenen. Nähe und Zwang, Liebe und Grausamkeit greifen unauflöslich ineinander. Am Ende entscheidet sich die Tochter gegen die korrumpierte Gemeinschaft, Machtmissbrauch und rituelle Gewalt – und für einen Weg nach innen.
„I must die – you must live, to tell our story“ heißt es zu Beginn aus dem Off. Vielleicht erzählt „Turning of Bones“ mehr Handlung, als der Tanz zwingend braucht, nicht alles ist unmittelbar lesbar. Doch gerade diese Zumutung macht die Stärke des Abends aus. Der Applaus setzt zögerlich ein und steigert sich schließlich zu Standing Ovations. „Turning of Bones“ ist sicherlich kein gefälliger Tanzabend, sondern eine existentielle Erfahrung. Ein Abend, der Zeit braucht und sich lohnt – allein schon wegen der grandiosen Kompanie!ANNA BEKE