Kiril Petrenko präsentierte Skrjabins Dritte. © Rittershaus
Vladimir Jurowski dirigierte Prokofjews Sechste. © Hösl
Vom älteren Klangmassiv gibt es wenigstens einige Aufnahmen. Vor allem russische Dirigenten haben die dritte Symphonie von Alexander Skrjabin eingespielt, naturgemäß ist das so, aber auch Daniel Barenboim oder Riccardo Muti gönnten sich die volle Dröhnung. Bei Sergei Prokofjews Sechster herrscht dagegen (fast) Ebbe. So auch im Berliner Konzerthaus, wo Chefdirigent Vladimir Jurowski sein dortiges Rundfunk-Sinfonieorchester (RSB) in Truppenstärke aufmarschieren lässt – und im Parkett viele leere Reihen gähnen. Kollege Kirill Petrenko kann sich bei Skrjabin mit den Berliner Philharmoniker dagegen vor der ausverkauften Philharmonie austoben. Er hat in der Hauptstadt wie immer Platzhirsch-Bonus.
Sehr aufschlussreich, wie das Berliner Publikum in derselben Woche auf zwei Konzertprogramme (fast) völlig abseits der Norm reagiert. Programme, die im kulinarischen München womöglich auf Schulterzucken stoßen würden und auf zu wenig ausgelastete Kartenserver. Jurowski, parallel bekanntlich Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper, setzt bei seinem Berliner Abend auf Total-Ambition. Neben Prokofjew gibt es selten aufgeführte die Violin-Fantasie von Josef Suk plus eine Uraufführung: „Premonition“ (Vorahnung) des Ukrainers Eduard Resatsch. Der 15-Minüter spielt mit Motorik und Klangforschung auf Sichtweite der Tonalität. Christian Tetzlaff, in dieser Saison Artist in Residence des RSB, setzt bei Suk auf einen verblüffend flexiblen Violinton und schwebeleichte Intensität. Ein Stilist, der die Virtuosen-Pose nicht braucht, ewig könnte man ihm zuhören.
Werke wie Prokofjews Sechste liegen Jurowski am besten, das zeigen nicht zuletzt seine Münchner Aufführungen des russischen Repertoires. Die Symphonie ist eine zerquälte Riesenpartitur in Fahlfarben, da kann Jurowski organisieren, befehligen, lichten, kanalisieren, ohne sich emotional zu verlieren. Das RSB-Konzert kommt, auch dank seines Chefs, als schwer didaktischer Abend rüber, als tönende Vorlesung eines Intellektuellen.
Jurowskis Vorgänger an der Bayerischen Staatsoper hat immerhin ein Bonbon parat, einen Hit des Repertoires. Vor der Pause und dem Skrjabin dirigiert Kirill Petrenko das Violinkonzert von Brahms. Solistin Janine Jansen legt fast jedes Intervall auf die Goldwaage. Ergebnis ist eine penetrante Ausdruckwut, bei der manchmal das Holz der Geige mittönt. Merkwürdig passiv bleibt Petrenko dabei. Ein kundig ordender Lotse, mehr nicht.
Skrjabins Dritte findet dann in Petrenko ihren Meister. Hier agiert er wesentlich offensiver. Das Ergebnis: ein kristallklarer Rausch, monumentale Kammermusik. Alles ist extrem genau abgeschmeckt und nie Imponiergehabe. Man sieht Petrenko an, welch Herzensangelegenheit das Werk ist – etwas, das Jurowski nur in Spurenelementen ausstrahlt.MARKUS THIEL