PREMIERE

Tanz ins Totenreich

von Redaktion

Mozarts Requiem als Bühnenfassung am Staatstheater Augsburg

Gemeinsame Suche nach Halt im Glauben: Eine Handlung im klassischen Sinn wird vom US-amerikanischen Choreografen Peter Chu nicht erzählt. © Jan-Pieter Fuhr

In der Mozartstadt Augsburg kommt man um die Musik von Wolfgang Amadeus eigentlich kaum herum. Vor allem nicht zu Jahresbeginn, wenn es gilt, den Geburtstag des Wunderkindes zu feiern. Am örtlichen Staatstheater tut man dies aktuell mit einer spartenübergreifenden Tanz-Premiere, für die man sich eine seiner letzten Kompositionen vornahm: das von Mythen und Legenden umrankte Requiem.

Eine (Toten-)Messe bedeutet immer ein Gemeinschaftserlebnis. Nicht unähnlich einer Theateraufführung. Und so lässt auch der US-Choreograf Peter Chu die Tänzerinnen und Tänzer nur ungern allein auf der Bühne. Selbst wenn sie einmal nicht im Kollektiv auftreten, formieren sich hier immer wieder kleinere Dreier- und Vierer-Konstellationen. Da geht es nicht um das Individuum, sondern vielmehr um die gemeinsame Suche nach Halt im Glauben und um die ewige Erneuerung im Kreislauf des Lebens. Eingefangen in assoziationsreiche, dynamisch pulsierende Bilder, denen das einfühlsame Lichtdesign von Marco Vitale den letzten Schliff verleiht.

Eine stringente Geschichte wird nicht unbedingt erzählt. Zumindest keine, zu der sich der Choreograf äußern will. Dafür erfährt man im Programmheft unter anderem von seiner Kindheit an einer von Nonnen geführten katholischen Schule oder von den Einflüssen des Taoismus und Qigong auf seine Arbeit. Namentlich vom „Spiel der Fünf Tiere“, aus dem sich Chu vor allem den symbolträchtigen Kranich entlehnte. Ein Lebewesen, dessen ruhige Flügelschläge man in den elegant fließenden Bewegungen auf der Bühne ebenso wiedererkennen kann, wie eine stilisierte Mariendarstellung.

Im direkten Vergleich mit dem geschmeidigen Ballettensemble bleiben der Chor und die Gesangssolisten naturgemäß eher statisch. Sie dürfen vor allem bedeutungsvoll durch den minimalistisch gehaltenen Raum schreiten und sich zum Singen in Pose werfen. Erst im „Benedictus“ werden da auch mal Sopranistin Jihyun Cecilia Lee und Bass Avtandil Kaspeli von den Tanzkollegen für ein paar einfache Hebefiguren rekrutiert, was die beiden aber ebenso wenig aus dem stimmlichen Gleichgewicht bringt wie ihren stilsicher agierenden Tenorkollegen Yury Makhrov oder Altistin Natalya Boeva.

Auf Seiten des Balletts seien stellvertretend Thomas Krähenbühl und Giulia Finardi hervorgehoben, die sich als Einzige zumindest kurzzeitig aus dem Kollektiv lösen dürfen. Sie sind bereits vor dem Öffnen des Vorhangs die Protagonisten eines getanzten Prologs, der sich in einem abgetrennten Bereich des Foyers direkt an die Werkseinführung anschließt. Ein erster Vorgeschmack, nicht nur auf die Bewegungssprache von Peter Chu, sondern ebenso auf die Klangwelten von Komponist André Barros. Er hat zum Mozart-Fragment, das ansonsten in der bewährten Süßmayr-Fassung gespielt wird, noch eine Handvoll an Vor- und Zwischenspielen beigesteuert. Meist ein atmosphärisches Wabern, wie man es beispielsweise aus dem Soundtrack diverser Christopher Nolan-Filme kennt. Hier als digitale Zuspielungen, die den direkten Bezug zu Mozart zwar nicht immer erkennen lassen, sich aber in harmonischer Hinsicht zumindest weitgehend bruchlos in den musikalischen Fluss einfügen.

Dirigent Ivan Demidov hat mit der allzu trockenen Akustik der Interims-Bühne zu kämpfen, mit der man sich wohl leider noch länger arrangieren muss. Selbst wenn teilweise versucht wird, elektronisch ein wenig nachzuhelfen, fehlt einfach der satte Raumklang, den Mozarts geniale Komposition bräuchte, um im „Dies Irae“ oder beim gänsehautverdächtigen „Lacrimosa“ ihre volle Wirkung zu entfalten. Mögen sich Chor und Orchester auch noch so sehr ins Zeug legen.

Und so bleibt trotz begeistertem Schlussapplaus der Frust, dass es mit der inzwischen bald zehn Jahre andauernden Sanierung des Stammhauses weiterhin nur äußerst schleppend vorangeht und das Staatstheater nach der jüngst erfolgten Zwangsschließung der Freilichtbühne nun sogar noch die letzte seiner traditionellen Spielstätten verloren hat. Dieses ambitionierte Ensemble hat Besseres verdient!TOBIAS HELL

Nächste Vorstellungen

am 3., 12., 15., 20., 22., 26. Februar; Telefon 0821/ 324 49 00.

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