Jonathan Tetelman (38) stammt aus Chile. © Ben Wolf
„Mein schönes Fräulein, darf ich wagen….?“ Jonathan Tetelman (Faust) mit Olga Kulchynska (Marguerite). Premiere ist am kommenden Sonntag. © Geoffroy Schied
Es ist die berühmteste Anmache der Literaturgeschichte. „Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, meinen Arm und Geleit ihr anzutragen?“ Er: Faust. Sie: Gretchen. Das Ergebnis ist bekannt. Ein uneheliches, später ertränktes Kind, dazu ein schuldbeladener Lover plus die himmlische Erlösung für die Missbrauchte. Steht so bei Goethe, kommt aber auch in der Veroperung von Charles Gounod vor. Die hat am 8. Februar Premiere an der Bayerischen Staatsoper und einen Titelheldensänger, der die Anmache von der Pike auf gelernt hat.
Natürlich nicht mit diesen fatalen Folgen. Jonathan Tetelman hat vor der Gesangskarriere als Discjockey in New York gejobbt und jonglierte nicht nur mit Platten. „Ich bin manchmal wie ein Autoverkäufer aufgetreten“, sagt der heute 38-Jährige. „Ich habe Leute auf der Straße angequatscht, ob sie nicht in den Club kommen wollen. Wenn man als junger Kerl hübsche junge Mädchen anquatscht, kann das manchmal falsch aufgefasst werden.“ Für den gebürtigen Chilenen hat es dennoch viel gebracht. „Früher war ich total scheu.“ Was er also auf den Straßen New Yorks für seine Karriere gelernt hat? „Charisma.“
Eine typische Antwort für den US-Amerikaner, der mittlerweile mit seiner Frau und zwei Kindern in Berlin lebt. Auf der Bühne ist Tetelman ein Was-kostet-die-Welt-Typ. Selbstbewusst, souverän, charismatisch. Und mit Entertainer-Qualitäten bei Solo-Konzerten: In wenigen Minuten hat er das Publikum um den Finger gewickelt, vor einigen Wochen war das in der Isarphilharmonie zu erleben. Das marktübliche Label trägt er auch schon, Jonathan Tetelman gilt als „Startenor“.
Eine Zeitlang war er auf Puccini abonniert, doch das ändert sich gerade. „Nehmen wir zum Beispiel die Bayerische Staatsoper“, sagt er. „Dort versteht man meine Vorlieben, es gibt ein paar wunderbare Pläne im französischen Repertoire.“ Wie eben jetzt den Faust. Außerdem liebäugelt Tetelman mit dem deutschen Repertoire. Er könne sich locker Apollo in der „Daphne“ von Richard Strauss vorstellen oder den Bacchus in dessen „Ariadne“. Oder Wagners „Parsifal“.
Die Opernhäuser haben Tetelmans Qualitäten längst erkannt, auch eine große Plattenfirma, bei der er Exklusivkünstler ist. Zum Profi-Gesang ist er ganz klassisch gekommen. Über Kirchenchöre, Tetelman war damals Knabensopran. „Als ich etwa zehn Jahre alt war, klang meine Stimme sehr dunkel, weich, wie versteckt, aber sie lag hoch“, erinnert er sich. „Ich musste daran arbeiten, sie zu öffnen, sie leichter klingen zu lassen, mit mehr Obertönen. Erst dadurch wirkte sie irgendwann natürlicher.“ Zwischendurch wollte Tetelman Bariton werden, ein Irrweg. Wobei: Ob Baritone nicht mit den besseren Rollen gesegnet sind im Gegensatz zu den zum Leiden verdammten Tenören? „Exakt! Ein Held ohne Tragödie, das gibt es bei Tenören kaum. Aber sorry, ich liebe Baritone! Unsere Partien sind meist das härtere Geschäft.“
Als es mit der Profi-Karriere losging, war Tetelman nach eigenen Worten ein „Vorsing-Maniac“. Drei- bis viermal die Woche sprach er bei Opernhäusern oder Agenturen vor. Irgendwie rutschte er ins Geschäft und konnte bald bei größeren Partien einspringen. Der Wechsel nach Europa war für ihn entscheidend. Die USA, so bedauert der Tenor, haben zu wenige Opernhäuser, außerdem hätte man ihn dort rollentechnisch zu sehr eingeengt.
„Faust“ wird inszeniert von Lotte de Beer, Nathalie Stutzmann dirigiert. An der Bayerischen Staatsoper debütierte Tetelman in der Saison 2023/24 als Rodolfo in „La bohème“. Einige Einsätze folgten, auch in umstrittenen Inszenierungen – man nehme nur Verdis „Macbeth“. Tetelman sang den Macduff in der Wiederaufnahme einer Produktion von Martin Kušej. Man merkt dem Tenor an, dass er sich Regie anders vorstellen kann. „Eine sehr kontroverse Produktion, in manchen Momenten abstoßend“, formuliert er es. „Aber letztlich beeinflusst sie meinen Bühnencharakter kaum.“ Alles, was diese Oper wichtig mache und was in der Handlung passiere, sehe man „in irgendeiner Weise“ auf der Bühne. „Ob ich das liebe? Keinesfalls. Ob ich das respektiere? Ja. Es ist ein Statement, und irgendwie folgt es Shakespeare.“
Dass es leichter sei, auf US-Bühnen zu singen, wo es fast durchwegs konventionelle Inszenierungen gibt, findet Tetelman deshalb nicht. Doch er beugt vor. „Ich versuche immer, so viele Informationen wie möglich über eine neue Produktion zu bekommen. Sie werden doch keinen Hollywood-Schauspieler finden, dem ein Film angeboten wird und der nicht zum Beispiel das Skript liest oder sich über die Verantwortlichen informiert. Aber vielleicht neigt sich in der Opernszene die Zeit dem Ende zu, in der sich alles nur um die Regie dreht.“ MARKUS THIEL