Markus Hinterhäuser wird Vertrauensbruch bei der Besetzung der Schauspiel-Leitung vorgeworfen. © Neumayr
Gleich vorweg: Markus Hinterhäuser darf das. Der Intendant der Salzburger Festspiele kann aus eigener Kraft und qua Vertrag die Leitung der Schauspielsparte besetzen. Die andere Frage ist: Sollte er dabei die Entscheidungsträger des weltweit wichtigsten Kulturfestivals mit ins Boot holen? Sie zumindest frühzeitig informieren? Es ist eine Stilfrage, und genau das ist in Salzburg schiefgegangen. In der österreichischen „Kronen Zeitung“ hat Hinterhäuser offenbar Karin Bergmann, die frühere Direktorin des Wiener Burgtheaters, für den Posten ins Spiel gebracht. Das Problem: Bergmann hatte gar nicht am Bewerbungsverfahren teilgenommen.
Seit dem Interview herrscht Ausnahmezustand in Salzburg. Das Kuratorium tagte in einer außerordentlichen Sitzung und zeigte dem Intendanten die „Gelbe Karte“. Der nahm gar nicht an der Sitzung teil, nun kommt es zu einer weiteren am 26. Februar. „Das Vertrauen ist enden wollend“, wird ein Kuratoriumsmitglied zitiert. Die Stilfrage ist das eine. Doch gleichzeitig wird der Lapsus Hinterhäusers nun genutzt, um die Messer zu wetzen.
In Salzburg ist in den vergangenen Jahren einiges ins Rutschen geraten. Dass das Direktorium der Festspiele harmonisch zusammenarbeitet, lässt sich nicht behaupten. Hinterhäuser und Festspiel-Präsidentin Kristina Hammer seien, so wird erzählt, in herzlicher Abneigung verbunden. Hammer ist seit 2022 im Amt und Nachfolgerin von Langzeit-Präsidentin Helga Rabl-Stabler. Die energische Salzburgerin galt als Korrektiv für den Künstlertypen Hinterhäuser, manche sagen auch als Festival-Mama, die den Laden samt Personal im Griff hatte. Seit Kurzem ist auch noch Florian Wiegand, vormals Konzertchef in Salzburg, abhanden gekommen. Ein ausgleichender Mann, er wechselte bekanntlich als Intendant zu den Münchner Philharmonikern.
Hinterhäusers Vertrag läuft vorerst bis 2031. Im Streit um die Besetzung des Schauspiel-Postens treten nun alle diejenigen auf den Plan, die den Intendanten loswerden wollen. Tatsächlich gibt es Fälle, die von Hinterhäuser – gelinde gesagt – nicht ganz optimal abgewickelt wurden. Noch immer schwelen juristische Auseinandersetzungen um die Corona-Saison. Damals, so wird den Festspielen vorgeworfen, habe es keine Ausfallzahlungen nach Absagen von Projekten gegeben. Hier hat sich besonders der Tenor Wolfgang Ablinger-Sperrhacke für Kolleginnen und Kollegen in den Ring geworfen. Es folgten Klagen auch wegen Verleumdung, Rufschädigungen und angeblich falsche eidesstattliche Versicherungen. Manches wurde abgewiesen, anderes ist noch virulent.
Zum anderen hatte Hinterhäuser die Zusammenarbeit mit Schauspielchefin Marina Davydova nach nur einer Saison beendet. Aus seiner Sicht habe sie gegen vertragliche Dienstpflichten verstoßen. Berichtet wird, dass hier eine einvernehmliche Lösung gefunden werden konnte. Da der Chefposten beim Schauspiel seitdem unbesetzt ist, hat Hinterhäuser das Programm für 2026 selbst verantwortet. Und mit Premieren wie Goethes „Faust I“, der Uraufführung eines Handke-Stücks oder einer Jelinek-Produktion zugkräftige Projekte organisiert. Außerdem ist Hinterhäusers Favoritin für den Posten keine üble Wahl: Karin Bergmann ist in der Schauspiel-Szene bestens vernetzt und eine mehr als akzeptable Führungsfigur.
Künstlerisch stehen die Festspiele unter Markus Hinterhäuser gut da. Zwar vertraut er vor allem im Opern-Programm gern auf Altbewährtes. Doch zum Beispiel mit Bizets „Carmen“, dirigiert von Teodor Currentzis und mit Asmik Grigorian, ist ihm für diesen Sommer ein kassenträchtiger Coup gelungen. Die Frage ist: Können sich die Festspiele überhaupt eine Entlassung Hinterhäusers leisten? Das Festival steht gerade vor großen Sanierungs- und Umbaumaßnahmen. Eine neue Intendantin oder ein neuer Intendant müsste also auf einen fahrenden Renovierungszug aufspringen.
Zum anderen ist nicht bekannt, dass etwa das Kuratorium eine Ersatzperson in der Hinterhand hätte. Immer wieder fällt hier der Name Barrie Kosky. Doch ob sich der begehrte Regisseur und vormalige Chef der Komischen Oper Berlin die Salzburger Situation antut, erscheint mehr als fraglich. Andere, die gerade mit den Corona-Klagen beschäftigt sind, bringen Nikolaus Bachler ins Spiel. Der ist derzeit Künstlerischer Leiter der Salzburger Osterfestspiele, wäre aber mit seinen 74 Lenzen allenfalls eine Übergangsfigur. Viel spricht deshalb dafür, dass Hinterhäuser am 26. Februar an der Kuratoriumssitzung teilnimmt – und die erbosten Entscheidungsträger mit einer Art Entschuldigung besänftigt. Auch mit einer Gelben Karte ist Fußballspielern schließlich manches Traumtor gelungen. MARKUS THIEL