Milde Worte

von Redaktion

Wenig Politik, viel Harmonie bei der diesjährigen „Fastnacht in Franken“ in Veitshöchheim

Gute Gags: Ines Procter versuchte sich beim Dating. © Löb

„Arrivederci aus – jetzt aber nichts wie raus!“ Die Altneihauser Feierwehrkapell‘n bei ihrem letzten Auftritt. © Hildenbrand

Guter Humor: Martin Rassau (li.) und Volker Heißmann als Waltraud und Mariechen. © Daniel Löb

Gute Gedanken: Bei Peter Kuhn wurde es politisch. © Löb

Tradition und Innovation – die Macherinnen und Macher müssen beides im Blick behalten, damit ein Format wie die „Fastnacht in Franken“ ein Höhepunkt des (Fernseh-)Jahres bleibt. Wohl selten war die Prunksitzung im unterfränkischen Veitshöchheim bei Würzburg so vom Wandel geprägt wie in diesem Jahr. Eine echte Zäsur dürfte der Abschied der Altneihauser Feierwehrkapell‘n aus der Oberpfalz sein (wir berichteten), die gestern Abend ihren letzten Auftritt im „Feindesland“ hatten. Ihr Frontmann Norbert Neugirg lieferte 20 Jahre lang fiese Verse von schon fast literarischer Qualität, über die die von ihm so gern und genüsslich derbleckten Franken dennoch stets herzlich lachen konnten.

Wo die Alten Platz machen, rücken die Jungen nach, so übernahm Kabarettist Philipp Weber den Platz von Oti Schmelzer, der sich bereits im vergangenen Jahr verabschiedet hatte. Weber entschied sich gegen die Politik – und gab damit die große Linie des Abends vor. Das Private stand im Vordergrund, beim 51-Jährigen waren es, hochtourig beschrieben und beklagt, die Wechseljahre des Mannes. Versagensängste und Viagra, Testosteronpflaster da, wo‘s richtig wehtut – Webers Scherze hatten nicht alle Niveau.

Das Altwerden im weitesten Sinne beschäftigte auch zwei weitere Solistinnen. Während Neuzugang Janina Fuchs sich etwas schwer tat mit ihren rustikalen Kindheitserzählungen vom „Universallappen“ der Oma, den man abwechselnd für Fußböden und Gesichter nutzte, und dem Zwang, als Frau vor allem gut auszusehen, spielte Ines Procter mit viel Mutterwitz ihre ganze Routine aus. Datingportale standen im Mittelpunkt ihres Vortrags, Procter fantasierte sich humorig vom entspannten Online-Flirt auf der Couch zur Stunde der Wahrheit, in der man sich „figurformende Unterwäsche“ anziehen muss, weil: „Der will sich mit dir treff‘!“ Jedoch – feste Beziehung? „Mit 50 wollen Frauen nur noch ambulant und nicht mehr stationär!“

Mäßig witzig zu vorgerückter Stunde Michl Müller, der im Dress eines Fußballnationalspielers von Wellness im Bayerischen Wald zu berichten wusste, einschließlich Sauna und Abreibung mit Kaffeepulver – das Ganze überwacht von einer, na klar, Mandy („Güden Doch!“) aus dem Osten. Sein Gassenhauer „Jens Uwe Rainer“ rettete ihn.

Und das Aktuelle? Dafür sorgt jedes Jahr verlässlich Peter Kuhn, der sich diesmal als „Märchenonkel“ präsentierte und mit allerlei Motiven aus Klassikern des Genres operierte. Im Mittelpunkt – natürlich – der Friedrich (Merz), der „auszog, das Regieren zu lernen“, dabei aber auf den machthungrigen „schwarzen Wolf“ (Markus Söder) traf und auf die „Schneekönigin“ (Alice Weidel), „die Rechteste im ganzen Land“. Sehr bildreich und damit etwas mehr um die Ecke gedacht als sonst präsentierte der 63-Jährige seine Reime, die Fake-News-Meisterschaft attestierte er generös anderen: „Die größten Märchenerzähler – frei heraus – sitzen im Kreml und im Weißen Haus“. Und weiter: „Aber auch in Deutschland gibt‘s Gestalten, die deren Lügenmärchen für die Wahrheit halten.“

Für die eine oder andere Spitze, aber immer für beste Unterhaltung sorgen Waltraud und Mariechen, immerhin auch schon Jahrzehnte dabei, „und dabei von Anfang an alt“. Volker Heißmann und Martin Rassau hatten auch heuer die Lacher auf ihrer Seite, vor allem, als sie wie gewohnt die anwesenden Politiker verbal anrempelten. Doch die beiden servierten mit einer deutsch-italienischen Speisekarte auch Blödsinn vom Allerfeinsten.

Das liebt das Publikum in den Mainfrankensälen – so, wie es auch die Musik liebt. Die a-cappella-Truppe von Viva Voce konnte sich mit ihrem satirischen Potpourri übers Reisen hören lassen, ihre Schlagerparodien gingen sofort ins Ohr. Dort setzten sich auch die Melodien fest, die Alleinunterhalter Matthias Walz rund um den Gassenhauer „Sweet Caroline“ präsentierte, unterstützt von Einspielern mit Originaltönen von Politikern. Aufhorchen ließ im Übrigen auch der Auftritt des jungen Leonard Wolf mit seiner Tuba. Der Bub ist halb Franke, halb Oberpfälzer und damit nach eigener Aussage „doppelt gscheit“.

Alles im Takt also, auch in den atemberaubenden, höchst akrobatischen Darbietungen der Tänzerinnen und Tänzer. Bei so viel Harmonie mussten sich am Ende auch Bauchredner Sebastian Reichs Puppen Amanda und Pignic nach der einen oder anderen Zickerei vertragen.

Kann‘s da noch echten Ärger geben? Nein, nicht einmal mit den Altneihausern, die mit einer Träne im Knopfloch ihrer abgewetzten Uniformen Abschied nahmen. „Vielen Dank, wir hab‘ns probiert, dass diese Sitzung besser wird“, formulierte Kommandant Neugirg, „und merkten jetzt nach 20 Jahren, dass wir grandios erfolglos waren.“ Attacken auf Söder, Spitzen gegen das Nationalgetränk der Nachbarn („Das Beste soll beim Frankenwein bekanntlich ja die Flasche sein“), insofern alles wie immer. Dann aber: „Arrivederci aus – jetzt aber nix wie raus!“ Und ganz zum Schluss dann doch noch ein kurzer emotionaler Moment: „Sie werden mir fehlen!“ Ihr uns Zuschauerinnen und Zuschauern auch!RUDOLF OGIERMANN

Sendehinweis

Das BR Fernsehen zeigt eine Aufzeichnung der Prunksitzung an diesem Samstag ab 20.15 Uhr.

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