Anke Reitzenstein spricht Melissa McCarthy.
Netflix will mit deutschen Synchronstimmen die Künstliche Intelligenz trainieren – und macht Druck. © PATRICK T. FALLON
Peter Flechtner spricht Ben Affleck. © Screenshot Youtube
Santiago Ziesmer als SpongeBob.
Claudia Urbschat-Mingues spricht Angelina Jolie.
Netflix steht zunehmend unter Druck: Zahlreiche deutsche Synchronsprecherinnen und -sprecher verweigern dem Streamingriesen aktuell die Zusammenarbeit und warnen vor einem Ausverkauf ihrer Stimmen an die Künstliche Intelligenz. Im Zentrum des Konflikts stehen neue Vertragsklauseln, die dem Konzern eine weitreichende Nutzung von Sprachaufnahmen erlauben sollen – ohne klare Grenzen und ohne Vergütung. Anna-Sophia Lumpe, Vorständin des Verbands Deutscher Sprecher:innen e.V., erklärt, warum es künftig Filme und Serien ohne deutsche Synchronisation geben könnte und warum der Boykott längst mehr ist als ein Branchenstreit.
Frau Lumpe, wie viele deutsche Synchronsprecher und -sprecherinnen boykottieren derzeit die Zusammenarbeit mit Netflix?
Ich habe keine genaue Zahl. Es kursieren Gerüchte, dass etwa 80 Prozent der Sprecherinnen und Sprecher die neuen Vertragsbedingungen ablehnen und sich untereinander vernetzt haben. Es sind auf jeden Fall so viele, dass es relevant ist und viele Film- und Serienproduktionen derzeit Probleme bekommen.
Was ist neu in den Verträgen?
Es geht insbesondere um eine Klausel, die es Netflix gestattet, mit den Stimmaufnahmen intern KI-Systeme zu trainieren. Und so vage wie ich das jetzt formuliere, ist es auch. Da ist nicht näher definiert, was für KI-Systeme das sind, wofür die genutzt werden, welche Daten analysiert und abgegriffen werden. Wenn ich den Netflix-Vertrag unterschreibe, akzeptiere ich diese Nutzung blind. Ohne ein Recht auf Vergütung.
Welche Konsequenzen fürchten Sie, wenn Sie sich dem Streamingriesen beugen?
Verschiedene Konsequenzen: Es wäre dann möglich, Deepfakes und Kopien unserer Stimmen anzufertigen. Von Stimmen, die ja ein Persönlichkeitsmerkmal sind und kein austauschbares Instrument. Und dabei geht es nicht unbedingt um die Angst, dass mit diesen künstlichen Stimmen synchronisiert wird, sondern welche Prozesse die Daten durchlaufen. Vielleicht dienen sie dazu, weitere Geschäftsfelder für Netflix zu öffnen, bei denen am Ende gar nicht mehr nachvollziehbar ist, welche Stimme da wie weiterverarbeitet wurde.
Ist Netflix der einzige Streamingdienst, der neue Regelungen in Sachen KI fordert?
Da möchte ich Netflix positiv hervorheben. Weil sie die Ersten sind, die überhaupt KI-Regulierungen in die Verträge aufnehmen wollen. Das ist begrüßenswert, weil wir aktuell noch unter alten Verträgen Aufnahmen machen, die einige juristische Schlupflöcher lassen. Da hinkt das Recht der digitalen Entwicklung deutlich hinterher, und das ist überhaupt nicht wünschenswert.
Eine Stimme ist ja weit mehr als ihr Klang, sie transportiert Emotionen – auf welchem Stand ist Ihres Wissens nach die KI?
Sie kann mit synthetischen Stimmen Texte hörbar machen. Aber etwas nur hörbar machen, beschreibt nicht unseren Beruf in all seinen Facetten. Wir erleben gerade, dass das, was wir seit Jahrzehnten gelernt haben und ausüben, von Personen beurteilt wird, die in dem Bereich gar keine Erfahrung haben. Vielleicht ist bei uns nicht immer erkennbar, wie viel Wissen, Arbeit und Kompetenz hinter dem Sprecherjob steckt, weil es sich so spielerisch und einfach anhört. Es gilt ja gerade für die Synchronisation: Wenn wir nicht auffallen, haben wir unseren Job gut gemacht.
Netflix droht, künftig auf deutsche Synchronfassungen zu verzichten und die Produktionen nur im Original mit Untertitel auszustrahlen. Ist das realistisch?
Ich glaube, dass wir davon nicht mehr so weit entfernt sind, wenn die Produktionen nicht stattfinden können. Man kann die Synchronisation natürlich komplett umbesetzen, weil ja nicht alle die Arbeit niedergelegt haben. Aber ich zähle da auf das Publikum, das schon eine große Wertschätzung gegenüber unserer Kunst zeigt. Und wer glaubt, dass dieser Konflikt nichts mit ihm persönlich zu tun hat, irrt: Es geht hier um den grundsätzlichen Umgang großer Konzerne mit unseren Daten.
Sie sind selbst Sprecherin – wie sähe Ihrer Meinung nach ein fairer Umgang mit Ihrer Zunft aus?
Die Nutzung von KI-Systemen bedarf einer Lizenzierung. Damit wäre schon mal klar, dass es eine zu vergütende Leistung ist und dass die Lizenzgebenden selbst entscheiden können, ob sie ihre Stimme für etwas hergeben wollen oder nicht. Wir wünschen uns Respekt für unser Gewerk: Denn offensichtlich sind unsere Stimmen für das Training der KI ja in guter Qualität nötig. Was uns aktuell aber immer wieder von der Technologiebranche gespiegelt wird, ist, dass unsere Daten keinen Wert haben und deshalb nicht bezahlt werden. Das passt einfach nicht zusammen.