Die Kunst des Kathedralenbaus ist es, Tonnen irdenschweres Gestein himmelstrebend, himmelstürmend wirken zu lassen. Es passt, dass Anna von Hausswolff einst Architektur studierte. Dass sie einst die Kirchenorgel zum Klangfundament ihrer Musik machte. Denn ihre Songs haben etwas von Kathedralen: Auf der Basis von Dunkelheit, Last, Schwere schwingen die langgezogenen Melodiebögen sich auf zu etwas Lichtem, Transzendentem.
Auf der Bühne hat von Hausswolff bei der aktuellen Tour freilich zu den Keyboards nur ein Portativ dabei – eine historische, mobile KleinPfeifenorgel, das Gehäuse einer Domfassade nachempfunden. Und das grandiose Album „Iconoclasts“ öffnet ohnehin seine Pforten zu mehr Gemeinschaftlichkeit, musikalischer Kommunion.
Lisen Rylander Löve hatte vorab solo als Support schon das restlos ausverkaufte Technikum in eine Art Heiltrance versetzt. Und in der fünfköpfigen Band wurde ihr Saxofon mit seiner sprechenden, röhrenden Intensität dann zum zentralen Gegenpart für den Gesang. Von Hausswolffs Stimme ist gleißend hell, trennscharf wie das Laserskalpell eines Erzengels. Aber live mit einem Hauch mehr Wärme, Gnade. „The Whole Woman“ – vom Duett mit Iggy Pops Grabesgrummeln zum Monolog umgedichtet – klang da wie ein Walzer-Schieber nachts um 3 Uhr im Tanzlokal, über dem der Gesang alle Sehnsucht durchbrennen lässt.
Überhaupt wurden die Gegensätze der Musik noch extremer ausgelotet als auf Platte, doch dabei auch stärker verschmolzen: die Vokal-Gipfel und Bass-Abgründe, Dunkelheit und Helle, das Ätherische und das Körperliche. Manche Songs machten Höllenstürze in stehende, dissonante Klangwellen. Und arbeiteten sich wieder hymnisch ans Licht.
Immer wieder flehen die „Iconoclasts“-Lieder um Verzeihung, Vergebung. Zum extatischen Finale und als Zugabe wählte von Hausswolff zornigere ältere Songs, wie frühere Sünden. Und ließ daraus ganz zum Schluss sich „Struggle with the Beast“ herausschälen. Ein kathartisches Lied über Psychose – das mit der Geburt eines Engels endet. Ein heiliges, heilendes Amen für das Hochamt dieses Abends.THOMAS WILLMANN