URAUFFÜHRUNG

Zersplittertes Paradies

von Redaktion

Albert Ostermaiers „Munich Machine“ am Resi

On the Road in seiner Maxvorstadt: Klaus Lemke (1940-2022). © Achim Schmidt

Die Erschaffung Klaus Lemkes durch das Münchner Kindl – oder ist es umgekehrt? Fakt ist, dass Brigitte Hobmeier als Filmemacher und Pia Händler in der Rolle des Wahrzeichens die stärksten Schauspielerinnen des Abends sind. © Birgit Hupfeld

Er nutzte Kurznachrichten, wenn ihm etwas gefiel, und nahm entgegen seines sonstigen Kommunikationsstils den ersten Teil des Begriffs ernst. Zwei Worte, mehr nicht, schickte Klaus Lemke (1940-2022), sobald er einen „Splitter vom Paradies“ entdeckt hatte. „JA! BOMBE!“ oder „KISSEZ, DIGGA!“. Eine SMS, zwei Vokabeln in Versalien. Am Freitag, bei der Uraufführung von Albert Ostermaiers „Munich Machine“ im Residenztheater hätte der Filmemacher und Geschichtenschürfer wohl nach 20 Minuten in sein Handy getippt: Pia Händler liest da als Münchner Kindl und Sensenfrau dem Premierenpublikum die Leviten. „Munich Howl“ hat Autor Ostermaier diesen Part überschrieben, seine Münchner Spiegelung von Allen Ginsbergs berühmtem Langgedicht. Sein „Geheul“ ist Anklage und Abrechnung, Wutrede und Liebeserklärung an die Stadt und ihre Menschen: diese Schauspielerin (!!!) und dieser Text (!!!) – einfach „BOMBE, DIGGA“. Hier wird erfahrbar, was Theater zu leisten vermag.

Diese Intensität wird Regisseur Ersan Mondtag nicht über den kompletten, etwas mehr als drei Stunden langen Abend (eine Pause) halten können. Das jedoch liegt auf keinen Fall am Ensemble und nur bedingt am Stück. Doch dazu gleich.

Ostermaier hat sein neues Drama aus dem Triptychon „Munich Howl“, „Munich Machine“ und „Munich kills me“ destilliert. Es ist kein Text über Lemke, sondern einer über München, wo Ostermaier 1967 geboren wurde. Vor allem aber ist es eine intensive Auseinandersetzung mit politischen und gesellschaftlichen Utopien. Dafür nutzt der Autor die Figur des Filmemachers, der in seinen letzten Lebensjahren rund um die Leopoldstraße seine aufregendsten Projekte realisiert hat. Lemke, 1940 im heutigen Polen geboren, stromerte durch die Stadt, auf der Suche nach unverstelltem Leben. Alles Inszenierte war ihm zuwider und fern seiner Arbeitsweise, was den „geliebten Regie-Stuhl“, den Ersan Mondtag auf die Bühne gestellt hat, ebenso schräg wirken lässt, wie die Kulissen, in denen sich Lemkes letzter Film abspielt.

Eh wurscht, denn Ostermaier geht‘s ja um Utopien, ihre Versprechen vom Paradies und ihre Perversion. Seine Lemke-Figur – Beatmungsgeräusche machen klar, dass sie bereits auf dem Weg ans ewige Filmset ist –, begleitet mit der Kamera eine außerirdische Intelligenz durch die Historie des Freistaats. „Seine Geschichte ist eine fast reine Kultur männlicher Dominanz und ihrer sogenannten Utopien“, wie es zu Beginn heißt. Lemke, der Glückspilz, hat Amore an seiner Seite; Thomas Hauser spielt die Figur mit elegantem Witz, erinnert sie doch auch an den Film von 1978, mit dem der Regisseur das Genre der Münchner MilieuKomödien begründete.

Ostermaier interessiert sich weniger für deren Leichtigkeit, als für Typen und ihre Ideen, ihren Wahn. Er erzählt von der Räterepublik, von Lenin und Hitler im Schelling-Salon, von Strauß und Brecht, von der Wehrsportgruppe Hoffmann, von Olympia und dem Attentat der Palästinenser auf israelische Sportler, von Freddie Mercury, Donna Summer und – kaum aushaltbar – von Gewalt und sexuellem Missbrauch in der Kirche. Ein Parforceritt, angetrieben von den Sounds, die DJ Hell und Benedikt Brachtel kreiert haben. „Munich Machine“ ist dicht gewebt, so mancher Satz ist die Tür zu einem neuen (Gedanken-)Kosmos. Ein Drama, das nicht zwingend die Bühne braucht, unbedingt aber Konzentration bei der Lektüre.

Ersan Mondtag macht daraus gewaltiges Bildertheater. Nicht alles funktioniert in seiner Inszenierung – Myriam Schröders Auftritt als Franz Josef Strauß etwa hätte der Regisseur sehr viel schärfer gestalten dürfen. Doch meist glückt der Reigen der Radikalität – auch dank des hervorragenden Ensembles. Brigitte Hobmeier als Lemke und die stets famose Pia Händler als Münchner Kindl seien stellvertretend genannt.

Nach der Pause verliert die Produktion allerdings ihre Intensität und zerfasert – auch, weil Mondtag nicht mehr so konsequent zugreift wie noch am Anfang. Für den jedoch gilt: „KISSEZ, DIGGA“. Herzlicher Applaus, ein paar Buhs für den Autor. MICHAEL SCHLEICHER

Nächste Vorstellungen

am 10., 13. und 20. Februar;
Telefon 089/21 85 19 40.

Artikel 7 von 9