Carl Ludwig Loreck blickte mit „An den Sieben Quellen“ auf das Gebiet von Eschenlohe. © Museum Werdenfels
Das mehrere 100 Jahre alte Bett in der Schlafkammer hat sicher viel erlebt. Auch den Maler Carl Ludwig Loreck, aus dessen Besitz es ins Museum Werdenfels gelangte. Als „Schmachtflugkörper“ ist es vorher noch nie bezeichnet worden. Der Name stammt von dem Weilheimer Künstler Günter Nosch. „Duden dichten“ heißt sein Projekt. Passend zu dem Nachschlagewerk erklärt er den Begriff auf einem Kärtchen: „Wenig bekanntes Flugobjekt zur Umgehung des Nachtflugverbotes; Traum für Mädchen oder ein Märchen?“ Constanze Werner schmunzelt, als sie die Karte entdeckt. 53 davon hängen schon in dem Garmisch-Partenkirchner Museum. Immer wieder lädt die Leiterin des Hauses Künstler ein, sich mit der Sammlung zu befassen. Den Besuchern neue Blickwinkel zu eröffnen, sie zu animieren; die Dauerausstellung dabei zu besichtigen, ist ihr Anliegen.
Neben Nosch finden sich Werke der Keramikerin Stephanie Borchardt und skulpturale Hohlkörper von Christoph Leuner. Das passt zur Sonderausstellung „Kunst der unterschiedlichen Empfindungen“, die ab Donnerstag, 12. Februar, zu sehen ist. Werners Fokus liegt in diesem Jahr darauf, über Kunst und den Kunstbetrieb nachzudenken: Warum faszinieren uns Werke? Wie sieht ein sogenanntes Künstlerleben im 20. Jahrhundert in Deutschland aus? Welche Kunst kaufte man sich in der Nachkriegszeit und hängte sie in seine privaten Räumlichkeiten? Macht Kunst die Produzenten und die Rezipienten glücklich? Die Sonderschau stellt drei Lebenswege von „wahnsinnig fleißigen Malern“ und drei verschiedene Kunstauffassungen vor.
Die drei Künstler, die alle um die Wende zum 20. Jahrhundert geboren wurden, verbindet der zeitweilige Lebensmittelpunkt Garmisch-Partenkirchen – als Zufluchtsort vor politischer Verfolgung (Rolf Cavael), als Schutzraum vor den Bombardierungen des Zweiten Weltkriegs (Carl Ludwig Loreck) und als bewusst gewählter Lebensmittelpunkt für eine freie Künstlerexistenz nach 1945 (Hans Otto Buchner). Doch ihre künstlerischen Ansätze könnten kaum unterschiedlicher sein. Loreck (1898-1991) schuf über Jahrzehnte hinweg eine romantisch-lyrische Landschaftsmalerei, die bis heute in vielen Privathaushalten der Region präsent ist.
Buchner (1909-1972) arbeitete als vielseitiger Gebrauchsgrafiker, Illustrator und freier Künstler, dessen Stil je nach Motiv und Kontext stark variierte. „Er hat alle Stile ausprobiert, eines seiner großen Vorbilder war Pablo Picasso“, sagt Werner. Als einer der frühesten konsequent abstrakt arbeitenden Künstler in Deutschland, als Briefpartner von Wassily Kandinsky, als in der NS-Zeit verfemter Maler und späterer Mitbegründer der Künstlergruppe ZEN 49 zählt Cavael (1898-1979), dem das Museum Aschenbrenner 2023 eine Sonderschau gewidmet hat, dagegen zu den wichtigsten Vertretern abstrakter Malerei in Deutschland. „Er gehörte zur künstlerischen Avantgarde, verkörperte damit den Zeitgeist des Kunstbetriebs am stärksten und ist bis heute überregional bekannt“, erläutert Werner.
Mit Zeichnungen von Cavael und Buchner sowie Gartenbildern von Loreck im Erdgeschoss lenkt Werner uns durchs Haus. Immer wieder stößt man dabei auf Werke der drei Künstler, die mit der Sammlung des Museums in Dialog treten. Im zweiten Stock treffen die drei Maler geballt aufeinander. Offenbaren ihr Können wie ihre Unterschiede. Besonders deutlich wird das beim Betrachten der Triptychen – Lorecks mystisch angehauchtes zeigt Bäume, sein bevorzugtes Motiv, Buchners erinnert an die geometrische Abstraktion der 1920er/30er-Jahre, und Cavaels ist ein typisches Zeugnis seines Schaffens, mit dem er das Unbewusste abbildete. TANJA BRINKMANN
Informationen:
Die Ausstellung läuft von 12. Februar bis 7. Juni, im Museum Werdenfels, Garmisch-Partenkirchen, Ludwigstraße 47; Di. bis So. 10 bis 17 Uhr.