PREMIERE

Der Teufel steckt im Detail

von Redaktion

Charles Gounods „Faust“ an der Bayerischen Staatsoper

Jonathan Tetelman in der Titelrolle. © Schied

Entertainer und Spielmacher: Kyle Ketelsen als Méphistophélès. © Geoffroy Schied

Letzter Ausweg Kühlschrank, eine Tat im Affekt. Marguerite sperrte ihr Neugeborenes dorthin, ein Buh-Sturm, die Premiere stand vor dem Abbruch. Jetzt, 26 Jahre später, kommt der Tod wie ein Versehen. Aus Furcht vor dem Satan besprengt Marguerite ihr Baby mit Weihwasser, versenkt und vergisst es in der Flüssigkeit. Dieses Mal hält die Gala-Gemeinde allenfalls den Atem an, man ist ja inzwischen einiges gewöhnt. Ein Vierteljahrhundert, so lange liegt die letzte Premiere von Charles Gounods „Faust“ an der Bayerischen Staatsoper zurück. Regie-Ideen, das zeigt nicht nur der Kindstod, gibt es viele. Möglicher Grund also für die lange Pause: Ist die Goethe-Oper à la française nur noch schwer bis gar nicht besetzbar?

Musikalisch fast eine Themaverfehlung

In der aktuellen Premiere steht Jonathan Tetelman auf der Bühne. Der Tenor-Darling ist dafür bekannt und beliebt, dass er seine Töne verschwenderisch offeriert und ausstellt. Ein Mann des Alles-muss-raus, im Gesang wie im Spiel. Für Gounod hat er sich zurückgepegelt. Man hört, überraschend bei ihm, viel Behutsames, das hohe C in „Salut! Demeure chaste et pure“ dimmt er ins Piano. Riskant und geschmackvoll ist das. Doch später die Rückfälle. Tetelman gerät ins vokale Muskelspiel. Vielleicht auch, weil er merkt: Gounods Sympathien galten gar nicht dem Titelhelden, sondern der verratenen Frau an seiner Seite.

Das Feinbesteck für die Partie, das bringen andere Kollegen mit, so sehr sich Tetelman müht. Was überhaupt das Problem dieser Produktion ist: Die Clarté, das subtile Nachzeichnen der Linien, den charakteristischen Vokalglanz, überhaupt das stilistische Empfinden für diese spezielle Opernliteratur, all das hört man selten an dem Abend. Es ist eine Premiere, die an der musikalischen Themaverfehlung vorbeischrammt. Immerhin gibt Kyle Ketelsen seinen Méphistophélès mit flexibler Dämonie. Kein klingender Schwerlastverkehr, der Mann, hier Entertainer und Puppenspieler zugleich, jongliert mit der Partie. Olga Kulchynska ist eine lyrisch-robuste Marguerite. Das passt, vor allem an diesem Abend, weil kein Feinsliebchen gezeigt wird, sondern die Tragödie einer auf sich selbst zurückgeworfenen Frau. Die Zwitscherstrecken der ersten Arie liegen Kulchynska weniger, wohl aber die späteren Soli, wenn sich diese Figur (auch vokal) dramatisch weitet. Florian Sempey ist ein grobkörnig-viriler Valentin und Emily Sierra in der kleinen Rolle des Siebel kurzzeitig immer wieder Mittelpunktsfigur.

Sehr apart ist: Vor 26 Jahren stand Simone Young am Pult, sie hat den Weg bereitet für Dirigentinnen wie Nathalie Stutzmann. Die Ex-Altistin, einst hier in einer Händel-Oper auf der Bühne, ist nun mit dem Bayerischen Staatsorchester auf Ungewohntes aus. Keine effektvolle große Oper, dafür viel Kantables, Abgetöntes, kein Imponiergehabe, in den letzten beiden der fünf Bilder funktioniert das. Doch mit dieser Haltung entgehen Stutzmann viele Aspekte der Partitur, der Drive, das Drängende, Zugespitzte, die Ironie, überhaupt das Operettige. Oft fehlt der Impuls. Vieles ist untertourig, wie auf Sicherheit dirigiert. Und manches klingt, fatal bei dem Stück, auch nur gemütlich und entschärft.

Dabei ist der Orchesterklang präsenter als sonst. Das liegt am Bühnenbild von Christof Hetzer: Riesige melierte Metallplatten dominieren die Szene, formieren sich zur Wand oder zum Winkel. Akustisch ist das ideal fürs Gesangspersonal, das sich auf dem oberen Segment eines vertrockneten Planeten bewegen muss. Der Tod ist in dieser Welt allgegenwärtig. Regisseurin Lotte de Beer zeigt ein Endspiel mit weiß Geschminkten und zu Mumien Bandagierten, die Uniformen der Soldaten deuten hin aufs 18. Jahrhundert (Kostüme: Jorine van Beek). Einmal fischt Faust das tote Baby aus einem Leichenhaufen.

Einiges erschüttert, anderes bleibt dekorativ. Manchmal wird am Stück entlang inszeniert. Die fleißig bediente Drehbühne täuscht Aktion vor. Und trotzdem: De Beer gewinnt der „Grand opéra“ Intimes ab. Die Massenszenen, in denen der Staatsopernchor dank Christoph Heil seine neu erwachte Flexibilität und Homogenität beweist, geraten nicht ins Gewusel, sind wie das Zitat eines Kriegsalbtraums. Szenisch wird vieles gelichtet. Miniatur-Häuser gemahnen an den „Faust“-Ursprung als Puppenspiel. Der Abend fokussiert sich auf Marguerites Schicksal, in dem neues Leben, das einzige Fünkchen Hoffnung, von Krieg und einem selbstverliebten Lover ausgetreten wird. Keine Zukunft, kein Ausweg und ein Spartipp: In diesem Setting ließe sich problemlos Verdis „Macht des Schicksals“ spielen. MARKUS THIEL

Nächste Vorstellungen

am 13., 16., 19., 22. und 27. Februar; Telefon 089/ 2185-1920.

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