Konstantin Krimmel singt Schuberts „Winterreise“

von Redaktion

„Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus“ konstatiert Konstantin Krimmel mit leichter Stimme. Noch hallen da schöne Erinnerungen nach. Aber schon bald wechselt die Stimme ihre Farbe, wird düster und hart. In vielen Nuancen fängt der junge Bariton die Gefühlswelt des Wanderers ein, lässt ihn sich erinnern, hoffen, trauern oder Schmerz und Verzweiflung hinausschreien. Mit Schuberts „Winterreise“ bannt er das Publikum am Sonntag im vollen Prinzregententheater bis zum letzten Ton.

Dabei punktet Krimmel naturgemäß mit seinem leicht geführten, flexiblen und wandlungsfähigen Bariton, der geschmeidig durch die Register gleitet, auch in der Kopfstimme nicht an Substanz verliert. Bei genauer Artikulation versteht der Hörer jedes Wort und erfährt, dass der Sänger Wilhelm Müllers Gedichte durch Dynamik, Phrasierung, Akzentuierung, Tempi genau ausleuchtet. Zur Seite steht ihm dabei Ammiel Bushakewitz am Klavier, mit dem – hörbar – bestes Einvernehmen herrscht.

Interessant ist überdies, dass Krimmel seine Zuhörer geradezu physisch teilhaben lässt an der Entstehung seines Gesangs. Wie er atmet, Töne formt, hält, verändert, mit Emotion auflädt – all das kann, wer will, beobachten und bleibt doch im Geschehen. Denn selbstverständlich wird das Herzeleid des Wanderers auch erfühlt und durchlebt. Ohne jegliche Larmoyanz, auch „Wenn manche Trän‘“ aus seinen Augen fällt. Im „Frühlingstraum“ erblühen die Blumen in feinen Pastelltönen, bevor die Raben vom Dach krächzen. Krimmel macht es hörbar und zuweilen entstehen kleine Szenen – ohne große Gestik, allein mit einem Blick, einer Kopfdrehung, einem Lächeln.

Dass die Verzweiflung den einsamen Wanderer immer mehr peinigt, hört jeder: Wenn der Bariton in „Einsamkeit“ die letzte Zeile „war ich so elend nicht“ geradezu herausmeißelt. Wenn in „Der greise Kopf“ Pianist und Sänger nur zögernd und stockend vom Fleck kommen. Wenn schließlich der Wahn den Wanderer packt, „Nebensonnen“ erscheinen und das Duo gespenstisch und fahl dem „Leiermann“ folgt. Großer Jubel.GABRIELE LUSTER

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