„Die Oper thematisiert die Schrecken des Krieges, ist aber trotzdem von einer großen Sehnsucht durchdrungen“: Premiere ist am kommenden Samstag. © Markus Tordik
Das russische Repertoire war an Münchens Opernhäusern lange Zeit nur wenig repräsentiert. Zumindest abseits der üblichen Repertoire-Klassiker. Langsam, aber sicher wagt man nun den Blick über den Tellerrand. Nachdem die Bayerische Staatsoper kürzlich mit Nikolai Rimski-Korsakows „Nacht vor Weihnachten“ vorlegte, zieht nun das Gärtnerplatztheater mit einer weiteren hörenswerten Rarität nach: Alexander Borodins „Fürst Igor“, der von Regisseur Roland Schwab auf die Bühne gebracht wird.
Der gebürtige Münchner bewegt sich auf vertrautem Terrain. Immerhin hatte er am Gärtnerplatz als Achtjähriger mit dem „Freischütz“ seine erste Oper gesehen, dank der die Leidenschaft fürs Musiktheater geweckt wurde. „Ich weiß noch, dass ich in der Pause unbedingt in den Orchestergraben schauen wollte. Das war ein geradezu magischer Ort für mich. Später war ich natürlich auch regelmäßig in der Staatsoper, wo ich in der Sawallisch-Zeit den ganzen Wagner gesehen habe. Diese Zeit hat mich sehr geprägt.“
Seit vier Jahrzehnten nicht mehr gespielt
An der Staatsoper kennt man Schwabs Handschrift bereits von Boitos „Mefistofele“. Eine ähnliche Rarität wie „Fürst Igor“, der in München seit rund vier Jahrzehnten nicht mehr auf dem Spielplan stand. Gute Voraussetzungen also für Schwab, um bei seinem Hausdebüt am Gärtnerplatz frei von Erwartungshaltungen zu proben. Wobei es genau genommen gar nicht das erste Mal ist, dass er hier arbeitet. „Ich habe hier früher Kulissen geschoben. Das war damals ein gut bezahlter Studentenjob.“
Seine „Rückkehr“ genießt der Regisseur daher umso mehr. Beim Gespräch zwischen den Beleuchtungsproben lobt er nicht nur die Kollegialität und Hilfsbereitschaft der technischen Abteilungen. Auch das spielfreudige Ensemble erleichtert ihm seine Arbeit. „Da muss man niemand aus seinem Phlegma reißen. Das ist schon mal viel wert!“
Im aktuellen politischen Klima eine russische Oper mit patriotischen Untertönen auf die Bühne zu bringen, kann kritisch gesehen werden. Das ist auch Schwab bewusst. Deshalb aber Komponisten wie Schostakowitsch, Mussorgski & Co. von den Spielplänen zu verbannen, ist für ihn keine Lösung. „Ich lese Borodins Oper nicht so propagandamäßig, wie es manche vielleicht deuten würden. Ganz im Gegenteil. Die Warnung steckt quasi schon im Stück, wenn Igor die Sonnenfinsternis ignoriert. Trotz dieses bösen Omens startet er einen desaströsen Feldzug, der nicht nur seine eigene Armee auslöscht, sondern auch zu Hause viel verbrannte Erde hinterlässt. Für mich ist das keine Helden-Saga, es ist eine Verlierer-Saga!“
Obwohl wir bis heute nicht wissen, wie Borodin selbst sein einziges Opernprojekt zu Ende geführt hätte. „Fürst Igor“ blieb letztlich ein Fragment, das erst nach Ergänzungen von Nikolai Rimsky-Korsakow und Alexander Glazunow seine postume Uraufführung erlebte. Für die Münchner Premiere hat Schwab aus dem existierenden Material mit Chefdirigent Rubén Dubrovsky eine neue Fassung erstellt, die einen eigenen Weg geht. „Wenn man der Tradition folgt und dem Fürsten am Ende noch mal mit einem großen Chor huldigt, kann es durchaus patriotisch aussehen. Aber das bleibt reine Spekulation, weil es eben keine autorisierte Reihenfolge gibt.“
Schwab war es wichtig, den klischeehaften Erwartungen entgegenzusteuern, um den Ego-Trip des Titelhelden nicht mit martialischem Säbelrasseln zu glorifizieren. „Ich habe in der Vorbereitung viel Borodin-Musik gehört und bin unter anderem auf eine Aufnahme mit Dmitry Hvorostovsky gestoßen. Er singt da diese wunderbare Romanze von den ‚Küsten des fernen Vaterlandes‘, die mir unglaublich ans Herz gegangen ist.“ Ein Stück, das vom Verlust des Partners und der Heimat erzählt. „Es thematisiert die Schrecken des Krieges, ist aber trotzdem von einer großen Sehnsucht durchdrungen. Weshalb es für mich am Ende ein schönes melancholisches Fragezeichen setzt.“
Große Aktualisierung braucht es da nicht. Weshalb Schwab die Geschichte in der Lebensrealität Borodins verortet und auch die Entstehung der Partitur thematisiert. „Normalerweise liebe ich groß dimensionierte Bühnenräume, aber hier wollte ich eine Salonatmosphäre, in der die Idee der Nationaloper geboren wird. Der Zwiespalt zwischen Realität und Utopie.“ Denn „Fürst Igor“ hat weit mehr zu bieten als nur die exotischen „Polowetzer Tänze“, denen man regelmäßig im Konzertsaal begegnet. „Er verbindet diese großen Melodien mit einer sehr komplexen Harmonik. Das ist teilweise schon Avantgarde. Und ich hoffe, dass wir damit auch das Publikum neugierig machen, mehr von Borodin zu entdecken.“TOBIAS HELL