Trifft ins Herz: die Neuverfilmung des „Grafen von Monte Christo“ aus dem Jahr 2024. © Chapter 2
Der Streaming-Dienst Netflix lieferte ein opulentes Remake des Klassikers „Der Leopard“. © Netflix
Verführerisch: Diane Kruger glänzt in der sechsteiligen Serie „The Seduction“, die vom historischen Briefroman „Gefährliche Liebschaften“ inspiriert ist. © HBO MAx
Der hochmütige Mr. Darcy aus Jane Austens „Stolz und Vorurteil“, die unbekümmerte Heidi aus Johanna Spyris Klassiker oder die intrigante Marquise de Merteuil aus „Gefährliche Liebschaften“: Die großen Romane der Weltliteratur strotzen nur so vor lebensprallen Figuren und atemberaubenden Schicksalen. Das haben inzwischen auch die Streamingdienste gemerkt und machen es sich zunutze: Netflix, Amazon und Co. entdecken weltberühmte Romane zunehmend als Fundgrube für Serienformate und bringen in diesem Jahr zahlreiche Neuadaptionen auf den Markt – dabei schwankt der Ansatz zwischen strenger Werktreue und modernem Zeitgeist.
So bürstet etwa der Sechsteiler „The Seduction“ (HBO Max) mit Diane Kruger seine Vorlage, den 1782 erschienenen libidinösen Briefroman „Gefährliche Liebschaften“ von Choderlos de Laclos, gegen den Strich: Das sinnliche Kostümdrama erzählt die Geschichte aus feministischer Perspektive und macht seine weiblichen Hauptfiguren zu Rächerinnen an der Männerwelt. Auch der geplante „Heidi“-Mehrteiler von RTL (Ausstrahlung voraussichtlich 2027) wird sich wohl deutlich vom 1880 erschienenen Roman (und der Kult-Trickserie der Siebziger) unterscheiden: Der Sender plant eine „zeitgemäße“ Adaption, die sich auf Heidis Entwicklung vom Kind zur jungen Frau fokussiert.
Dagegen versichert Netflix, dass seine Neufassung von Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ eine „originalgetreue, klassische Adaption“ des Buchs von 1813 wird. Bei der Besetzung gibt es aber eine Besonderheit: Die Tatsache, dass die nicht-binäre Schauspielerin Emma Corrin in der Serie die kluge und witzige Protagonistin Elizabeth Bennet verkörpert, deutet zumindest auf eine etwas progressivere Tendenz hin als etwa bei der ikonischen Verfilmung von 2005 mit Keira Knightley in derselben Rolle.
Weltliteratur als Serie: Es ist ein Trend, der gerade erst Fahrt aufnimmt. Stoffe, die früher als opulente Leinwandepen inszeniert wurden, wandern im Streamingzeitalter als Mehrteiler auf den heimischen Bildschirm. Regisseur Luchino Visconti etwa machte aus Giuseppe Tomasi di Lampedusas „Der Leopard“ bereits 1963 ein cineastisches Meisterwerk. 2025 wurde der italienische Jahrhundertroman bei Netflix zur opulenten Serie – die im Vergleich zu dem mehr als 60 Jahre älteren Film bei der Kritik jedoch einen schweren Stand hat.
Viele Adaptionen, die jetzt in den Startlöchern stehen, müssen sich an großen Vorbildern messen lassen: John Steinbecks monumentales Familiendrama „Jenseits von Eden“ etwa wurde schon 1955 von Elia Kazan für die Leinwand inszeniert und machte James Dean unsterblich. Ob die siebenteilige Miniserie nach dem amerikanischen Buchklassiker, die 2026 bei Netflix startet, diesem Erbe gerecht wird? Amazon wiederum hat Isabel Allendes Roman „Das Geisterhaus“, der 1993 mit Meryl Streep verfilmt wurde, als Achtteiler neu aufgelegt – Start ist noch in diesem Jahr. Und William Goldings „Herr der Fliegen“, die Geschichte über den zivilisatorischen Kollaps einer Gruppe gestrandeter Kinder, wurde bereits 1963 und 1990 verfilmt – die vierteilige Neuadaption läuft ab 17. Februar bei Sky.
Was reizt die Streaming-Riesen derart an Literaturklassikern – ausgerechnet in einer Zeit, in der die Zahl der Bücherleser dramatisch sinkt und Klassiker oft als sperrig und antiquiert empfunden werden? Die Gründe sind vielfältig: Wer einen Roman verfilmt, schnappt sich ein Stück Hochkultur und kann seine Serie mit dem Gütesiegel „Literaturadaption“ schmücken – das ist gut fürs Renommee. Und dass Netflix und Co. angesichts des anhaltenden Serienbooms einen unstillbaren Appetit auf starke Stoffe haben, liegt auf der Hand. Mit Klassikern erreicht man potenziell auch deren Leser und eine bildungsnahe Klientel. Aus der Sicht von Experten haben Verfilmungen zudem den Vorteil, dass sie Weltliteratur einem breiteren Publikum zugänglich machen.
Der 1967 erschienene Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ gehört zu jenen Werken, die jeder dem Titel nach kennt, an deren Lektüre aber viele scheitern. Autor Gabriel Garcia Marquez (1927 – 2014) selber hielt seinen sozialkritischen Wälzer zeitlebens für unverfilmbar. Netflix hat aus dem Epos dennoch eine 16-teilige Serie gemacht, deren erste Hälfte sich schon abrufen lässt – die zweite startet diesen Sommer. Kritiker rühmten die Werktreue des TV-Epos, das im Wortlaut aus dem Roman zitiert und dessen magischen Realismus in Bilder umsetzt – etwa in einer Szene, in der unzählige gelbe Blumen vom Himmel schneien. Fehlt eigentlich nur noch, dass sich jemand an Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ wagt. Viele Leser, die vor den tausenden Seiten kapituliert haben, wären vermutlich dankbar für eine Serienversion.CORNELIA WYSTRICHOWSKI