NACHRUF

Der achtsame Beobachter

von Redaktion

Der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom ist mit 92 Jahren gestorben

Ein Europäer, der die Erde bereist hat, in Wirklichkeit und in Fiktion: Cees Nooteboom (1933-2026). © Imago Stock

Das verwunschen Mystische seiner Romane, das melancholisch Bittersüße seiner Gedichte, das versunken Betrachtende seiner Kunstbeschreibungen, das vielsinnlich Sehende seiner Reise-Erzählungen: In die geschriebenen Welten Cees Nootebooms einzutauchen, bedeutet immer ein intensives Erfahren – des Erlebten wie des Erdachten. Zugleich haben seine Texte oft etwas Zurückblickendes, die Nostalgie des Abschieds schwingt darin mit.

„Das Ende vom Ende, was könnte das sein?“, fragt der niederländische Schriftsteller 2020, während ein Virus die Welt im festen Griff hat, in seinem Langgedicht „Abschied“. Es handelt von den rätselhaften Lektionen des flüchtigen Lebens auf seiner unaufhaltsamen Reise zum Tod: „eine Murmel/ voller Farben, die langsam wegrollt/ bis über den Rand des Spielplatzes“. Dies liest sich auch wie das poetische Resümee eines vielfach preisgekrönten Werks. Denn nun heißt es, von dem achtsamen Beobachter, scharfsichtigen Erzähler, surrealistischen Phantast und kritischen Intellektuellen Cees Nooteboom selbst Abschied zu nehmen; wie in einem Teil unserer gestrigen Ausgabe bereits vermeldet, ist er am Mittwoch im Alter von 92 Jahren in seiner zweiten Heimat auf Menorca gestorben.

„Wie viele Leben passen in ein Leben?“ Sein frühes Kult-Debüt „Philip en de anderen“ – eine Art jugendliches Roadmovie zwischen der stillen Melancholie der Dinge und der unruhigen Suche nach dem verlorenen Paradies, verkörpert durch ein chinesisches Mädchen – macht den 22-Jährigen bekannt. 1958 erscheint es in Deutschland als „Das Paradies ist nebenan“. Nachdem sich Helga van Beuningen als großartige, authentische Nooteboom-Übersetzerin etabliert hat, bringt der Suhrkamp Verlag 2003 eine neue Fassung heraus. Frühe politische Reportagen zeigen den Journalisten, Essays den Literaturkritiker Nooteboom. Seine „Berliner Notizen“ und der Roman „Allerseelen“ machen ihn zum Chronist der Wiedervereinigung. In „Nootebooms Hotel“ einzukehren macht Spaß, großzügig lässt es auch den eigenen Gedanken Freiheit.

Obwohl der am 31. Juli 1933 in Den Haag geborene Autor, der „ein Doppelleben“ zwischen der „flüssigen Stadt“ Amsterdam und „meiner Insel“ Menorca führte, stets derjenige ist, der (ver-)führt und zeigt, fühlt sich sein Leser als Entdecker. Von Venedig etwa durch ganz Spanien und von 1977 bis 2013 viele Male auch nach Japan („Mokusei!“): Pointierte Porträts von Städten, Ländern, Kontinenten filtern das Befremdliche aus dem Bekannten und finden das Geliebte in der Ferne. Etliche in sich ruhende Fotografien seiner zweiten Ehefrau Simone Sassen begleiten Nootebooms Philosophien der kleinen Beobachtungen.

Charismatische Aufsätze zu den Malern Hieronymus Bosch, Francisco de Zurbarán oder dem Fotografen Karl Blossfeldt vermitteln staunendes Wissen und wissendes Staunen. Ihren Verfasser wiederum führt das Lob der Museen auch zum Hinterfragen seiner Reisen zur vermeintlichen Ursprünglichkeit, seiner Suche nach Authentizität und Identität, nach dem Besonderen für sich selbst in der normalen Umgebung anderer. Der öffentliche Mensch Cees Nooteboom schien, skeptisch distanziert, die nahbare Unmittelbarkeit seiner Texte nicht zu teilen. Auch seine Lyrik zeigt ihn eher introvertiert, meditierend ganz bei sich.

An der Schwelle zwischen Innen und Außen lesen sich Novellen von „Die folgende Geschichte“ bis hin zur Groteske in „Ein Lied von Schein und Sein“. Nicht selten sind seine Figuren – wie er – Suchende, Fabulierer, Zauberer auf ihre eigene unverwechselbare Art. Nur durch die Macht der Fantasie, sagte er einmal, ließe es sich „zwischen unseren beiden unendlichen Abwesenheiten hier auf Erden aushalten“. Doch Nooteboom war kein Träumer. Schönheit ging Hand in Hand mit Sterblichkeit, in Empfindung lag zugleich elementares Bedürfnis, Geschichte bedeutete auch das, was daraus zu lernen ist oder gewesen wäre. „Schauen, lauschen, lesen, die Arbeit hört nie auf.“ Er habe das Sehen zu seinem Spezialgebiet gemacht, erklärte er 1989. Ein Europäer, der die Erde bereist hat, in Wirklichkeit und in Fiktion – und wir mit ihm, durch seine klugen, neugierigen Augen. „Über die Welt / lief ich, um hier anzukommen.“TERESA GRENZMANN

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