Blinder Fleck? Zoe Leonards „Mirror No. 2“. © Zoe Leonard
Gespiegelt: Shigeo Fukudas Plakat. © The Design Museum
Die Flut rollt heran in der Video-Installation der Künstlerinnen Haubitz + Zoche: In „Hochwasser“ (2014/15) werden abwechselnd die Städte Mumbai und New York vom Wasser überschwemmt. © Stefanie Zoche
Wenn das Publikum in der Münchner Pinakothek der Moderne neben einer Musikbox von 1957, die stolz ihren raffinierten Mechanismus (im Kreis angeordnete Platten) herzeigt, eine Holzschachtel mit zwei Mineralwasserfläschchen samt humorvoller Aufschrift von Joseph Beuys („Evervess II“, 1968) betrachten darf, kann das nur bedeuten: Die vier Institutionen, die das Gebäude bespielen, bieten ein gemeinsames Projekt. Das Designmuseum Die Neue Sammlung, die Sammlung Moderne Kunst, das Architekturmuseum der Technischen Universität und die Staatliche Graphische Sammlung treten nach ihrem ersten Versuch „4 Museen, 1 Moderne“ jetzt mit „Reflexion“ auf, und zwar im Saal der Wechselausstellungen, im obersten Rondell der Rotunde und im West-Eingang sowie an einem Ost-Fenster.
Die aktuelle Schau ist luftiger, mit freierem Atem inszeniert als die erste, ganz im Sinne des Mottos „Licht Spiegel Transparenz“. Ausstellungsarchitekt Martin Kinzlmaier teilt die Halle nur einmal. Der weiße und der schwarze Raum versinnbildlichen für ihn das Sein „vor dem Spiegel und hinter dem Spiegel“. Die Exponate treten wieder miteinander in oft spannende oder lustige oder auch schräge Dialoge. Sicherlich haben sich Benthem Crouwel Architekten 1983/91 bei ihrem Glashaus „De Fantasie“ nicht gedacht, dass unsereinem angesichts von Grafik und Modell schnell das symbolische Im-Glashaus-Sitzen in den Sinn kommt. Vor allem weil man gleich daneben von den Künstlerinnen Haubitz + Zoche eine Glasscheibe entdeckt, die überflutet wird. „Hochwasser“ (2014/15) ist eine Video-Installation, bei der abwechselnd Mumbai und New York überschwemmt werden.
Der Titel der Exposition, „Reflexion“, spielt also nicht nur auf optische Phänomene an, sondern auch eine Art des Nachdenkens, das mithilfe mehrerer Perspektiven an eine Sache herangeht. Wenn Rosemarie Trockel ein Rorschach-Muster, das ja per se symmetrisch „gespiegelt“ ist, in ein gestricktes Kunstwerk übersetzt, dann „spiegelt“ sie allerhand: zum einen den seltsamen Versuch, durch Flecken die Psyche „spiegeln“ zu können, zum anderen die alte Frauen-Schublade „Textilkunst“. Schon hier wird klar, dass es den Künstlerinnen und Künstlern bei den Reflexionsmöglichkeiten bevorzugt um Irritation geht. Wie schüttle ich die Betrachter ein bisschen durch?
Das gilt meist ebenso für Design und Architektur – schließlich bewegen wir uns auf musealem Gefilde, und da gibt’s in der Regel nur das Beste. So können sich die einen über ein tolles Modell des legendären Münchner Glaspalastes freuen, während andere ihre Möbel-Vorstellungen fast ganz auf Glas und Acrylglas ausrichten müssen. Eine Leuchte hat sich irgendwie mit einem Staubsaugerschlauch vermählt. Architekt Bruno Taut träumt sich ins idyllische Gebirge, während Gerhard Richter diese schwarz-weiß-kantig auf die Leinwand meißelt. Objekte, die mal Design, mal freie Kunst, mal Architektur, mal etwas dazwischen sind, dann Gemälde, Drucke und Fotografien erzählen von Licht und Schatten, Licht und Musik, Transparenz und Technik, Geheimnis und schönem Schein. Isa Genzken, die wir eher als „Schmuddelkind“ der Installationskunst kennen, betörte 1992 mit Lack-schimmernder Grafik aus fremden Sphären.
Überhaupt werden allerhand Berühmtheiten aufgeboten. Außer den Genannten darf man sich auf Werke von Rupprecht Geiger bis Lee Friedlander, von Dan Flavin bis Sep Ruf, von Olafur Eliasson bis John Cage freuen. Manches ist typisch, manches hätte man ihnen gar nicht zugetraut. Da setzt sich doch unsere Reflexion in „Reflexion“ automatisch in Gang.SIMONE DATTENBERGER
Bis 31. Mai
Di.-So. 10-18 Uhr, Do. bis 20 Uhr; pinakothek-der-moderne.de.