Legende des Journalismus: „The Washington Post“. © dpa
Preisgekröntes Fototeam? Weg. Korrespondentenstandort in Berlin? Weg. Sportredakteure? Weg. Der Schlag kam unvermittelt. Die „Washington Post“ ist ein Herzstück des Journalismus in den USA. Die traditionsreiche Zeitung sieht sich einem gewaltigen Stellenabbau ausgesetzt (wir berichteten). Dabei hat das Blatt einen legendären Ruf. In der US-Hauptstadt bekommt man heute noch Gänsehaut, wenn man vor dem Watergate-Komplex steht: In den Siebzigern deckten Reporter der „Washington Post“ auf, dass es Abhöraktionen im Demokraten-Hauptquartier gab. Am Ende trat Präsident Richard Nixon zurück.
Skepsis gab es früh, als Amazon-Gründer Jeff Bezos vor mehr als zehn Jahren für eine Viertelmilliarde US-Dollar die Zeitung kaufte. Damals sagte er laut einer früheren „Washington Post“-Kolumnistin: Man könne zwar profitabel sein und schrumpfen. Das führe aber bestenfalls zur Bedeutungslosigkeit – und schlimmstenfalls zum Untergang. Warum müssen also jetzt hunderte Journalistinnen und Journalisten gehen?
In Donald Trumps zweiter Amtszeit im Weißen Haus der Besitzer der „Washington Post“ zu sein, kann für Bezos zur Belastung werden. Man erlebt immer wieder, wie gegen politische Widersacher des Präsidenten durchgegriffen wird. Amazon und Bezos‘ Weltraumfirma Blue Origin sind zwei Unternehmen, die der Regierungsapparat unter Druck setzen könnte: den weltgrößten Online-Händler zum Beispiel mit Wettbewerbsverfahren und den Raketenentwickler mit dem Ausschluss von Staatsaufträgen. Amazon blätterte unlängst viel Geld für Rechte an einem Filmprojekt zur First Lady Melania Trump hin. War das schon Anbiederung?
Erste Vermutungen, dass dem 62-jährigen Tech-Milliardär das Wohlwollen Trumps wichtiger sein könnte als unabhängiger Journalismus, kamen im Herbst 2024 auf: Wenige Tage vor der Präsidentenwahl brach die „Washington Post“ mit der Tradition, eine Wahlempfehlung abzugeben. Dabei war Medienberichten zufolge ein Text vorbereitet, in dem sich die Redaktion für Trumps Gegenkandidatin Kamala Harris aussprach. Aus Protest kündigten nach Informationen des Senders NPR rund 250 000 Leserinnen und Leser ihre Abonnements. Bezos verteidigte den Schritt als einen, der das Vertrauen in die Medien in einer gespaltenen Gesellschaft stärken solle.
Mit den Massenentlassungen bestätigt die „Washington Post“ jetzt einen Trend. In den USA gibt es den Begriff „News Deserts“, „Nachrichtenwüsten“ im ländlichen Raum. Die Initiative „The State of Local News Project“ listet das Zeitungssterben auf: In den vergangenen 20 Jahren sind fast 40 Prozent aller lokalen US-Zeitungen verschwunden. Tina Brown, die sich einen Namen als Chefredakteurin von „Vanity Fair“ und des „New Yorker“ machte, sieht durch das Debakel die These widerlegt, dass ein Tech-Milliardär seriösen Journalismus retten kann. Der Aderlass zeige, dass Bezos keine Ahnung vom Nachrichtengeschäft habe. Unterdessen führten das „Wall Street Journal“ und die „New York Times“ vor, wie man erfolgreich sein könne.ANNA RINGLE