„Boykotte schwächen das kulturelle Leben“, ist Franz Welser-Möst überzeugt. Der 65-Jährige leitet noch bis 2027 das Cleveland Orchestra. © JULIA WESELY
Seit 2002 ist der Österreicher Franz Welser-Möst Chefdirigent des Cleveland Orchestra, 2027 wird er das Ensemble verlassen. Ein Gespräch über die Situation von Kulturschaffenden in den USA, dies aus der Sicht eines Betroffenen.
Vor einem Jahr haben Sie vor einem Boykott der USA gewarnt. Hat sich seitdem etwas geändert an Ihrer Meinung?
Nichts Wesentliches. Jede Künstlerin, jeder Künstler muss das für sich entscheiden. Aber Boykotte schwächen im Endeffekt das kulturelle Leben, da das Publikum davon betroffen ist und Institutionen gefährdet werden könnten. Das Land ist zutiefst gespalten, das war schon in der ersten Amtszeit Donald Trumps so. Man spricht unter Freunden und Bekannten nicht mehr über Politik. Das ist leider so. In letzter Zeit regen sich allerdings kritische Stimmen, auch unter den Republikanern. Gerade weil die jüngsten Umfragen für Trump sehr schlecht ausfallen, gibt es Absetzbewegungen. Etwas verändert sich gerade.
Hat sich die Situation der Kulturschaffenden verschlechtert in den vergangenen zwei Jahren?
Nein. Das ist eine typisch europäische Frage. Das Finanzierungsmodell in den USA unterscheidet sich total vom europäischen. Es gibt kaum öffentliche Gelder, sondern ein Sponsorensystem. Diejenigen, die an der Kultur interessiert waren, sind es nach wie vor. Kultur, wie wir sie verstehen, ist in den USA außerdem ein absolutes Nischenprodukt. Wobei vieles auch in Europa nicht mehr so selbstverständlich ist wie vor 30, 40 Jahren. Das hat auch damit zu tun, dass jetzt andere Politikerinnen und Politiker an den Machthebeln sitzen: die erste Generation, die ohne Kunstunterricht aufgewachsen ist. Es ging ja schon in den 70er- und 80er-Jahren los, dass man Naturwissenschaften für wichtiger hielt als Kunst und Kultur.
Wie stark oder wie häufig wird die politische Situation bei Ihnen im Orchester diskutiert?
Gar nicht. Eben weil alles so gespalten ist, rührt man diese Dinge lieber nicht an. Was man dabei verstehen muss: Die USA sind nicht ein Land wie Deutschland oder Österreich oder Italien. Sie sind ein Kontinent, der aus vielen Zellen aufgebaut ist. Es gibt in Amerika viele Blasen, in denen gelebt wird.
Hollywood-, Pop- und Rockstars äußern offene Kritik an Trump. Inwieweit ist es opportun für Sie, dass auch Sie als Chefdirigent eines US-Orchesters Ihre Stimme erheben? Oder liegt das nicht in Ihrem Naturell?
Für mich als Ausländer ist das prinzipiell schwierig. Ich bin ja nicht nur für mich verantwortlich, sondern für eine Institution. Ich muss mich so verhalten, dass ihr kein Schaden zugefügt wird. Nehmen wir aktuell die Kritik von Superstar Bad Bunny. Wenn man an der Westküste lebt, ist das noch einmal anders als im Midwest, wo unser Orchester beheimatet ist. Es dreht sich bei alledem nicht um ein Schwarz-Weiß, es gibt viele Graubereiche. Ganz allgemein: Über 80 Prozent der Amerikaner haben ihr Land nie verlassen. Die haben nie etwas anderes gesehen, die schalten nie BBC ein, sondern Fox News oder allerhöchstens CNN, vor allem aber lokale Sender. Man bewegt sich in einem relativ kleinen Umfeld. Einerseits sind die USA eine Weltmacht. Andererseits handelt es sich um eine Ansammlung von vielen kleinen provinziellen Orten, die zu Städten wie New York kontrastieren, wo ein vollkommen anderes Leben geführt wird.
Würden Sie in der jetzigen Situation nochmals in den USA Chefdirigent werden wollen?
Was-wäre-wenn-Fragen halte ich für problematisch. Aber: Ich würde sehr stark darüber nachdenken. Die Frage ist aus einem anderen Grund auch schwer zu beantworten. Nochmals vor die Entscheidung gestellt, wäre ich doch ein Voll-Europäer. Mittlerweile bin ich allerdings zum Teilzeit-Amerikaner geworden. Außerdem: Politik ist ein sehr kurzfristiges Geschäft geworden. Im Orchesterleben planen wir dagegen drei Jahre im Voraus. Diese beiden Dinge zusammenzubringen, ist nicht leicht.
Ein anderer Aspekt beim Thema Kulturenclash: Demnächst dirigieren Sie beim BR-Symphonieorchester die Orchesterfassungen von Schubert-Liedern. Es scheint, dass zum Beispiel Bach eine enorme Spannbreite an Interpretationen verträgt, Schubert viel weniger. Braucht Letzterer gewisse landsmannschaftliche Voraussetzungen? Ist es besser, wenn er von einem Österreicher dirigiert wird?
Jeder Komponist hat seine eigene Sprache. Die kann man lernen. Ich bin übrigens nicht so sprachbegabt. Es ist ganz lustig, wenn Orchestermusiker mein Englisch nachmachen. Ich habe also einen Akzent. Schubert ist eine sehr wienerische Musiksprache, die reicht nicht einmal bis Oberösterreich. Ich kann zum Beispiel dem Cleveland Orchestra gewisse Grundlagen dieses Dialekts vermitteln. Als ich dort noch Gastdirigent war, hat man mich gebeten, eine Konzerthälfte mit Johann Strauß zu bestreiten. In der ersten Probe hat es keine zwei Minuten gedauert, bis mich der Solo-Bratschist, ein toller Musiker, gefragt hat: „Wie früh sollen wir den zweiten Schlag im Walzer-Dreiertakt spielen?“ Ich konnte nur antworten: „Kommt darauf an.“ Mittlerweile ist so etwas fürs Orchester viel selbstverständlicher geworden.