Entrückter Auftritt: Leila Josefowicz. © Tom Zimberoff
Wer am Valentinstag kein Rendezvous hat, findet bei den Münchner Philharmonikern Zuflucht. Romantisch-sentimental geht es dort allerdings nicht zu. Auf dem Programm stehen Steve Reich, Oliver Knussen und John Adams – ein Abend von entschieden intellektuellem Zuschnitt.
Reichs „Music for Ensemble and Orchestra“ eröffnet mit motorischer Konsequenz. Die Sätze heißen „Sixteenths“, „Eighths“, „Quarters“ – und genau so funktionieren sie. Zwei Klaviere und zwei Vibraphone treiben das Geschehen ostinat voran, präzise ineinandergreifend. Das Orchester legt weitere Muster darüber, verschiebt minimale rhythmische Akzente, alles ist exakt verzahnt. Brad Lubman ist am Pult ein sicherer Lotse, die Maschine läuft – aber sie kommt nicht voran. Man hört eine beeindruckend funktionierende Struktur, doch Entwicklung stellt sich nur eingeschränkt ein. Minimal Music in ihrer kontrollierten Konsequenz.
Spannungsreicher ist da Knussens Violinkonzert. Flirrende Holzbläserfarben, abrupte Gesten, nervöse Linienführung – eine Partitur voller Verdichtungen. Leila Josefowicz bewältigt die extremen Anforderungen souverän, nimmt das Werk beinahe besessen in Besitz. Förmlich entrückt erscheint dieser Auftritt; die modisch bemerkenswerte Kombination aus Abendkleid und Flip-Flops verstärkt den Eindruck. Beeindruckend ist das allemal – doch emotional wirklich anschlussfähig ist hier weniger das Werk als die Solistin.
Erst nach der Pause gewinnt der Abend deutlich an Kontur. Mit „Harmonium“ entfaltet John Adams mit großem Chor und mächtigem Orchester eine klangliche Intensität, die diesmal wirklich in die Tiefe reicht. Der erste Satz türmt polyrhythmische Wellen und spannungsgeladene Akkorde – nur bleibt der Text kaum verständlich. Im zweiten Satz verdichtet sich alles: Totenglocke, klare Wortkontur, gespannte Ruhe. Hier entsteht wirklicher Sog. Schließlich steigert sich das Werk in eine rauschhafte Ekstase zwischen schwebender Höhe und dunklem Grollen zu „Wild Nights should be our Luxury!“ Ganz am Schluss also gewissermaßen doch noch – Valentinstag.WILLI PATZELT