Gezeichnet von ihrem Job: Henry Koitzsch (Peter Kurth, li.) und Michael Lehmann (Peter Schneider). © Felix Abraham/MDR
Die alltägliche Konfrontation mit Gewalt und Tod mag Kriminalpolizisten in der Realität wie im Film abhärten, diese beiden hat sie weich gemacht, verletzlich. Die ARD-„Polizeiruf“-Kommissare Henry Koitzsch und Michael Lehmann (grandios: Peter Kurth und Peter Schneider) sind bei aller Routine gezeichnet von ihrem Job, in ihren Gesichtern, ihren Augen spiegeln sich die Abgründe, in die sie im Lauf ihres Berufslebens blicken mussten.
Insgesamt dreimal ermittelte das Duo seit 2021 in Halle an der Saale, stets schrieb Clemens Meyer das Buch und führte Thomas Stuber Regie. Eine weise Entscheidung, wie sich nun zeigt. Denn Meyer und Stuber kennen die Psyche ihrer Figuren genau, wecken ganz bewusst noch einmal die alten Dämonen, den mysteriösen, ungeklärten Messermord aus „An der Saale hellem Strande“, der nun wieder aktuell wird, das tote Kind aus „Der Dicke liebt“. In „Der Wanderer zieht von dannen“ schließt sich der Kreis.
Dieser letzte Fall ist der düsterste, er bezieht seinen Thrill aus der Tatsache, dass der (Serien-)Mörder hier – man denkt unwillkürlich an „Borowski und der stille Gast“ – in Wohnungen ein und aus geht. Niemand scheint vor ihm sicher zu sein. Meyer und Stuber lassen den Mann nicht dort wüten, wo das Leben blüht, sondern unter einsamen Menschen, solchen, die keine Zukunft mehr zu haben scheinen. Es sind trostlose, beklemmende Räume, in denen sich die Kamera (Nikolai von Graevenitz) bewegt, zu Museen erstarrte Zimmer (Szenenbild: Jenny Roesler).
Endlich darf man (Fernseh-)Kommissaren mal wieder im Alltag zusehen, beim Grübeln, bei der gründlichen Begehung der Tatorte und beim Sichten von Akten, die zur Lösung des Falles führen könnten. Prozesse, die auch einmal länger dauern, ohne dass die Spannung abreißt. In „Der Wanderer zieht von dannen“ wird nicht vordergründig psychologisiert, der Blick auf die Vergangenheit und das Motiv des Täters bleibt vage – man muss nicht alles wissen über diese DDR-Biografie samt Zugehörigkeit zur einst so mächtigen „Firma“.
Schließlich gelingt Buch und Regie auch noch ein doppelter Twist, auf Entsetzen folgt Erleichterung – und das Gefühl, dass die Geschichte von Koitzsch und Lehmann zu einem guten Ende gekommen ist. RUDOLF OGIERMANN