PREMIERENKRITIK

Traumtänzer am Gärtnerplatz

von Redaktion

Roland Schwab inszenierte Alexander Borodins Oper „Fürst Igor“

In der Krise: Alexander Borodin (Dieter Fernengel).

Geläuterter Regent: Fürst Igor (Matija Meić) und seine Ehefrau Jaroslawna (Oksana Sekerina) in Roland Schwabs Inzenierung. © Markus Tordik

Die berühmten „Polowetzer Tänze“ aus „Fürst Igor“ zählen wohl zweifellos zu den beliebtesten Stücken aus der Feder von Alexander Borodin. Zumindest im Konzertsaal, wo sie ihre Wirkung nur selten verfehlen. Mit der kompletten Oper tut man sich in unseren Breiten dagegen schwerer. Denn wenn ein Stück mit Ausrufen wie „Heil Russland!“ und Lobpreisungen der Kriegshelden beginnt, weckt dies fast zwangsläufig ungute Assoziationen.

Regisseur Roland Schwab erliegt am Gärtnerplatztheater nun aber zum Glück nicht der naheliegenden Versuchung, den Titelhelden in eine Art Putin-Doppelgänger zu verwandeln, oder Parallelen zu anderen eroberungswütigen Staatsoberhäuptern unserer Tage zu ziehen. Die erschließen sich auch ohne Holzhammer, weil es Schwab gelingt, die nationalistischen Parolen immer wieder geschickt zu brechen.

Schauplatz der begeistert aufgenommenen Neuproduktion ist bei ihm ein Salon im Hause Borodins, wo das Publikum der Entstehung seiner einzigen Oper beiwohnt. „Fürst Igor“ war ein Projekt, an dem der Komponist fast zwei Jahrzehnte arbeitete, ohne dafür je eine endgültige Form zu finden. Weshalb in der Geschichte so einige logische Schlaglöcher warten. Der fragmentarische Charakter lässt sich da nur schwer leugnen. Woraus die Regie allerdings eine Tugend zu machen versucht, indem sich Borodin am Klavier in eine exotische Utopie hineinträumen darf, bei der auch das Ballettensemble seinen großen Auftritt bekommt. Untermalt natürlich von den „Polowetzer Tänzen“, die Dirigent Rubén Dubrovsky im Graben in allen Farben des Regenbogens schillern lässt.

Wie bei so vielen russischen Opern stehen auch bei „Fürst Igor“ weniger die historisch inspirierten Figuren im Zentrum der Handlung als vielmehr das Volk selbst, das sich von charismatischen (Ver-)Führern in Bann schlagen und instrumentalisieren lässt. Mal mit patriotischen, jubelnden Gesängen, mal in süßlich verklärten Illusionen, ehe man am Ende mit der Brutalität des Krieges konfrontiert wird.

Der von Pietro Numico einstudierte Chor und Extrachor ist hier ausgiebig gefordert und stürzt sich mit großem Enthusiasmus auf seine dankbare Aufgabe. Genau wie das exzellente Gesangsensemble, wo es neben Titelheld Matija Meić vor allem Timos Sirlantzis und Levente Páll kraftvoll donnern lassen. Während Arthur Espiritu als tenoral schmachtender Fürstensohn und Oksana Sekerina als selbstbewusste Jaroslawna für die emotionalen Momente zuständig sind. Ein Stimmenfest, bei dem keine Wünsche offenbleiben.

Und kurz vor Schluss wird dann doch noch eine Brücke ins Heute geschlagen. Mit Augenzeugenberichten aus Cherson und Charkiw, die auf den Vorhang projiziert noch einmal unmissverständlich klar machen, dass Krieg immer ein schmutziges und verachtenswertes Geschäft bleiben wird.

Das Produktionsteam verweigert daher bewusst das martialisch säbelrasselnde Finale der gängigen Partiturfassung und setzt an dessen Stelle eine nur vom Klavier begleitete Romanze des Komponisten. Ein bewegendes Lied über Tod und Verlust, dem Monika Jägerová mit ausdrucksstarkem Mezzo einen zarten Trauerrand verleiht. Kein Jubel der Massen, sondern eine einsame Stimme, deren Klage einem ganzen Volk aus der Seele spricht.TOBIAS HELL

Artikel 2 von 11