Als Helmut Kohl im ZDF-Dokudrama „Deutschlandspiel“, hier mit Udo Samel als Gorbatschow. © Picture-Alliance
Lambert Hamel, wie er leibt und spielt – hier als Dorfrichter Adam in Kleists „Der zerbrochene Krug“. Premiere war 2010 im Residenztheater. © Thomas Dashuber
Er liebte das Theater. Er liebte die Menschen, die ihm zusahen. Er liebte das Spiel, das gute Essen, den edlen Tropfen. Er genoss die Süße der Tränen und die Bitternis im Lachen. Er liebte die Liebe. Er liebte das Leben. In seinem 86. Jahr ist der Schauspieler Lambert Hamel, wie aus Theaterkreisen zu erfahren war, nach kurzer schwerer Krankheit gestorben. Es war Freitag, der dreizehnte.
Geboren am 7. Juni 1940 in Ludwigshafen am Rhein, ging er über Bochum und Hamburg nach Köln. 1968 dann der Sprung nach München. Hamel kam, sah und siegte. Und ist geblieben bis zum Ende seines Lebens. Bis 1973 Residenztheater. Von 1973 bis 2001 Münchner Kammerspiele. Ab 2001 bis 2011 erneut Residenztheater und ein paar Gastauftritte darüber hinaus. Lambert Hamel hatte in Regisseur und Intendant Dieter Dorn seinen Meister gefunden. Einige Regie-Größen wie Ernst Wendt, Hans Lietzau oder Thomas Langhoff kamen dazu. Dazwischen nahm er sich Zeit fürs Fernsehen, drehte diverse Krimis, war in einem großen Film Martin Luther und spielte in einem anderen Helmut Kohl.
Als Charakterdarsteller war Lambert Hamel mit allen Raffinessen der Kunst ausgestattet. Dennoch hatte er sich immer auch den Charme eines Kindes bewahren können. Vor allem in den sogenannten komischen Rollen: als Toby Rülp in „Was ihr wollt“ oder als Handwerker Bottom (Zettel) in „Ein Mittsommernachtstraum“, wo er sich laut Shakespeare in einen Esel zu verwandeln hatte. Aber wie gelingt einem das? „Also ich habe damals immer nur dagestanden und nachgedacht: Wie kommt man auf einen Esel? Und der Dorn hat gefragt, was denn sei, warum ich an der Stelle nie weiterspielen würde. Ich überlege, sagte ich, wie kriegt man Wasser in den Mund, das dann überall rausläuft, zum Ohr und aus der Nase und überall? Denn es steht: Das Wasser läuft im Mund zusammen. … Was bedeutet es, wenn der Dichter es so schreibt?“
Von der Arbeit und der Qual, die dem grandiosen Verwandlungsspiel Hamels vorausging, war für uns nichts mehr zu spüren, denn die schwierigsten Szenen waren stets geprägt von größter Leichtigkeit. Die derbe, boshafteste, komischste Type, Shakespeares Ajax in „Troilus und Cressida“, steht im Abscheulichkeitsrang berühmter Theaterfiguren mit an der Spitze. Unvergessen auch darin der Komödiant Lambert Hamel. Unter eitler, rachsüchtiger Oberfläche schimmerte immer wieder momenthaft die traurige Erbärmlichkeit dieses Antiken-Tölpels durch. Einstmals war Hamel an den Kammerspielen auch Hamlet. Wenn man an die schönen, edlen Prinzen-Kerle der europäischen Theaterlandschaft denkt, fällt einem zu Hamel noch Jahrzehnte später nur ein: „Groß und abscheulich“. Er war so extravagant, dass ihm kein einziger Verriss erspart blieb. Viele Jahre später sagte Hamel dazu: „50 Vorstellungen – die haben mich nach oben gebracht. Das war das Einschneidendste in meinem Werdegang.“
Unmöglich, hier im Einzelnen an alle Rollen zu erinnern, denen der leidenschaftliche Schauspieler ein Gesicht gegeben hat. Winzig nur diese Auswahl: Lessings Nathan, Achternbuschs „Auf verlorenem Posten“, wo Hamel gegen ein leibhaftiges Kamel anspielen musste, Shakespeares „Titus Andronicus“, Horvaths Zauberkönig in „Geschichten aus dem Wiener Wald“. Die Rolle seines Lebens aber war Bernhards Bruscon, also „Der Theatermacher“. Über ein Jahrzehnt lang gespielt. „Das war wunderbar, was ich mit diesem Stück erlebt habe. Und ich hätte rufen mögen: Ach, ihr Kritiker, geht noch mal rein, jetzt kann ich’s.“
Protagonist einer großen Theater-Ära
Das würde man gerne auch tun, die Jahre kurz mal zurückdrehen, um in den Kammerspielen Kleists „Amphitryon“ zu sehen. Darin hatte Hamel als Sosias die erste Szene des Stücks zu absolvieren: mit einer kleinen Laterne in der Hand einen Auftritt von hinten durch den finsteren Zuschauerraum nach vorn zur Bühne, und vor lauter Angst versagt dem Sosias fast die sonst so klangvolle Stimme seines Darstellers.
„Es wird weitergehen, weiter, immer weiter.“ Ein Satz von Lambert Hamel. Vielleicht hat er sich den innerlich auch bei diesem Sosias-Auftritt gesagt, um sich Mut zu machen. Nun hat der Tod diesem „Immer weiter“ eine Grenze gesetzt. Uns, die wir ihn in seinen Rollen erlebt haben, wird er „immer weiter“ in Erinnerung bleiben – als ein Protagonist einer großen Münchner Theater-Ära.SABINE DULTZ