Herr Jedermann

von Redaktion

Nazi oder Mitläufer? Michael Wolffsohns Karajan-Buch

„Schlimmstenfalls“ ein nützlicher Idiot des braunen Regimes, findet Michael Wolffsohn: der Dirigent Herbert von Karajan im Jahre 1938. © Bestand Hanns Hubmann

Allerhöchstens drei Minuten habe er mit Hitler gesprochen, pflegte der Star später zu erzählen. Unangenehme Minuten müssen es gewesen sein: Ausgerechnet in Hitlers Lieblingsoper, in Wagners „Meistersingern“, kam es in Berlin damals zum Fast-Schmiss. Der Diktator gab sich ungehalten – das ständige Auswendig-Dirigieren des jungen Überfliegers müsse abgestellt werden. Herbert von Karajan also doch kein Hätschelkind des Regimes? Es ist kompliziert. Betrachten ihn die einen, 37 Jahre nach seinem Tod, noch als willigen Vollstrecker der NS-Kunstpolitik, so gilt für andere die Generalentschuldigung: Der Mann konnte, wie so viele, einfach nicht anders.

1935 in die NSDAP eingetreten

Im Auftrag des Eliette und Herbert von Karajan Instituts in Salzburg hat der Historiker Michael Wolffsohn den Fall des Dirigenten untersucht. Das Ergebnis ist „Genie und Gewissen“, eine mit Furor geschriebene Studie, die keine Reinwaschung ist und sein will, aber um Verständnis wirbt. Karajan, so argumentiert Wolffsohn, sei nicht besser und nicht schlechter als seine Zeitgenossen gewesen, ein „Mister Jedermann“, ein „schlimmstenfalls“ nützlicher Idiot des Regimes.

Neue Fakten finden sich kaum in diesem Buch. Immerhin räumt Wolffsohn mit der Mär auf, Karajan sei zweimal in die NSDAP eingetreten. Akribisch wird nachgewiesen, dass dies nur einmal passiert ist, nämlich 1935. Und auch dies reicht für Wolffsohn nicht, um den Dirigenten in den Orkus zu schicken. Schließlich, so die Argumentation, hätten selbst Juden-Retter wie Oskar Schindler das braune Parteibuch gehabt. Außerdem: Anders als die meisten habe Karajan schon kurz nach dem Krieg seine Mitgliedschaft eingeräumt. Wolffsohn, bis 2012 Professor an der Münchner Bundeswehr-Universität, zeichnet in seiner Studie das Bild eines unpolitischen Genies. Ein Künstler, der im „Dritten Reich“ den Aufstieg „ohne und teils gegen“ die Nazis geschafft habe. Genüsslich schildert Wolffsohn, wie sich Goebbels mit seinem Günstling Furtwängler und Göring mit seinem Favoriten Karajan gegeneinander in Stellung brachten. Immer wieder habe es für den Dirigenten Gefahren und Rückschläge gegeben, erst gegen Ende des Kriegs sei die „wahre Würdigung“ seines Könnens eingetreten.

Wolffsohn zählt eine ganze Reihe von jüdischen Künstlerinnen und Künstlern auf, deren Nähe Karajan suchte und die ihrerseits mit dem Star zusammenarbeiteten. Max Reinhardt zum Beispiel, Mitgründer der Salzburger Festspiele, der auf Karajan vertraute. Oder Michel Schwalbé, Holocaust-Überlebender und später Konzertmeister der Berliner Philharmoniker. Oder Leonard Bernstein, dem – anders als seinerzeit kolportiert – eine innige Freundschaft mit dem Kollegen verband. Außerdem, so betont Wolffsohn, sei Karajans zweite Frau Anita laut damaliger NS-Rassenlehre eine „Vierteljüdin“ gewesen.

So beeindruckend diese Aufzählung ist, so sehr hat sie auch etwas Bemühtes bis Rührendes – sie bleibt eine Indizien-Verteidigung quasi über Bande. Wolffsohn führt teilweise sogar Karajans musikalische Programmwahl ins Feld: Dass dieser Werke jüdischer Meister wie Gustav Mahler dirigierte oder von Claude Debussy, nicht gerade ein Favoritkomponist der Nazi-Zeit, oder Mozart-Opern auf einen Text des Juden Lorenzo da Ponte, all dies spreche doch für Karajan. Schwer erträglich ist oft die „Hoppla-jetzt-komm-ich-Pose“ dieses Buches, auch der ätzende Abrechnungston, mit dem Wolffsohn Fehler und vermeintliche Fehleinschätzungen der Kollegen anprangert – auch (und durchaus zu Recht) die krampfige Kritik am Star, als etwa das Theater Aachen eine Karajan-Büste aus dem Foyer entfernte. Ein Stil, der die Grenze zur Eitelkeit und Selbstgerechtigkeit überschreitet, mit dem sich der Autor selbst im Wege steht – und dabei seine durchaus wichtigen Ergebnisse schmälert.

Herbert Karajan also ein Nazi? „Formal ja. Unbestreitbar. Faktisch nein.“ So Wolffsohns knappes Fazit. „Genie und Gewissen“ wirbt um Differenzierung – und entfaltet gerade jetzt Aktualität: mit Blick auf Putin-Freunde wie Valery Gergiev oder auf Stars, die angesichts des Prä-Faschisten Trump auffallend stumm bleiben. MARKUS THIEL

Michael Wolffsohn:

„Genie und Gewissen“. Herder, Freiburg, 368 Seiten; 26 Euro.

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