PREMIERE

Krieg ohne Ende

von Redaktion

„Mittwinter“ im Münchner Metropoltheater

Schocktherapie mit herausragenden Schauspielerinnen: Anna Graenzer (liegend) und Genija Rykova. © Joel Heyd

Am Anfang erzählen sie uns wieder mal die Story vom Pferd. Aber die ist hier ganz und gar nicht lustig. Sondern so erschreckend, dass man zartbesaiteten Gemütern (aber vielleicht auch Veganern) empfehlen möchte, in den ersten zehn Minuten dieses Abends im Münchner Metropoltheater die Augen zuzumachen. Denn das Pferd ist ein faulender Kadaver, der realistisch nachgebildet auf der Bühne liegt. Aber in Zeiten des großen Hungers gilt auch Gammelfleisch als Schatz. Darum metzgert Maud, die den Gaul gefunden hat, mit einem Messer in seinem Bauch herum und schiebt sich gierig die blutigen Fleischfetzen roh in den Mund.

Mit dieser Szene beginnt das Antikriegs-Stück „Mittwinter“ der englischen Erfolgsautorin Zinnie Harris, die sich quasi nicht scheut, Ross und Reiter zu nennen. Die dystopische Tragödie spielt in einem fiktiven Krieg irgendwo im Norden, wo zur Mittwinter-Zeit die Sonne so kurz und schwach über dem Horizont erscheint, dass man sie mit dem Mond verwechseln kann. Aber auch als der Krieg endet, herrscht kein Frieden, weil in den Seelen der verrohten überlebenden Soldaten und der traumatisierten Zivilisten die Verheerungen zu groß sind, um plötzlich wieder auf Zivilisation umzuschalten, als wäre nichts gewesen.

Und so geht das Lügen, ja Morden halb verdeckt gar innerhalb der Familien weiter – die nur noch aus Ersatzmenschen bestehen: Maud ist in Wirklichkeit deren Zwillingsschwester, ihr heimkehrender Gatte, der doch schon vor drei Jahren als gefallen gemeldet war, ist womöglich ein anderer, und das Kind ist sowieso nicht das eigene, das schon nicht mehr lebt.

Hausherr und Regisseur Jochen Schölch hat diese dramatische Schocktherapie nicht zu Tode geritten, sondern gewohnt souverän in wechselnden Gefühlslagen aufgefächert – in jenem Stil des traditionell-realistischen Mitfühl-Theaters, das für so ein Well-made-Play mit Botschaft passend ist. Dass wir eine zerfetzte Welt vor uns haben, zeigt auch die mit Rupfenbahnen begrenzte Bühne (Thomas Flach), auf der malerisch rohe Bretterwände die ruinösen äußeren und inneren Verhältnisse symbolisieren.

Mit Genija Rykova als Maud, Michele Cuciuffo als Kriegsheimkehrer und Anna Graenzer als stummem Kind sind zudem drei frühere Spitzenkräfte des Residenztheaters zu erleben. Aber auch Thomas Schrimm, der den Großvater gibt, und Paul Kaiser als fliegender Händler oder Kriegsgewinnler überzeugen.

Vor allem ist „Mittwinter“ das Stück der Stunde in Zeiten anschwellender Kriegsrhetorik, die allem Hohn spricht, was zur antimilitaristischen DNA einer geläuterten, demokratischen Bundesrepublik gehört. Als Warnung vor Kadavergehorsam sollten Jugendliche jedweden Geschlechts, die jetzt einen Fragebogen zum Wehrdienst bekommen, diesen Abend sehen – analog zu den Ekelbildern auf Zigarettenschachteln. Denn im Vertrauen gesagt: Krieg ist noch viel tödlicher als Rauchen. Begeisterter Beifall, auch für die eigens angereiste Autorin.ALEXANDER ALTMANN

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