PREMIERE

Der tägliche Pflegewahnsinn

von Redaktion

Dem Volkstheater gelingt mit der Tragikömödie „Fischer Fritz“ ein kleines Meisterstück

Jugendlicher Tattergreis: Baran Sönmez in der Titelrolle, hier mit Lola Dockhorn als polnische Pflegekraft. © Gabriela Neeb

Das Ambiente ist buchstäblich fischig: Überm Sofa prangt ein präparierter Barsch, den Tisch schützt eine durchsichtige Plastikdecke, und auf der Kredenz steht eine Heiligenfigur mit bunten Blinklämpchen (Ausstattung: Sarah Elena Kratzl). Das ist die Welt von Fischer Fritz, der sein ganzes Leben an einem Fluss im tiefsten Niederbayern gelebt und gearbeitet hat, in der Öd, wo nicht mal eine geteerte Straße hinführt. Nachdem er zum Pflegefall geworden ist, kümmert sich eine kostengünstige Polin um ihn.

Dem Münchner Volkstheater kann man jedenfalls „Petri Heil“ zurufen, denn es hat mit dieser Premiere ein paar dicke Fische an Land gezogen: In der Tragikomödie „Fischer Fritz“, die entfernt in der Kroetz-Tradition steht, greift die bemerkenswerte Autorin Raphaela Bardutzky ein brandaktuelles Thema auf: den täglichen Pflegewahnsinn aus Windelhosen und Tablettenbingo, der Millionen Menschen zum Rotieren bringt und tatsächlich dramatischer ist als vieles, was sonst auf die Bühne kommt.

Die gleichfalls beachtliche Nachwuchsregisseurin Asena Yesim Lappas macht daraus keinen sozialpädagogisch herablassenden Betroffenheitskitsch, sondern zeigt menschliche Hinfälligkeit als Stachel im Fleisch unserer Erfolgsgesellschaft, wo doch jeder ein toller Hecht sein möchte. Dabei gelingt ihr eine so hinreißende, angeraut poetische Mischung aus dadaistisch-absurdem Sprachgeknatter und Wohnküchenrealismus, dass man ständig zwischen Lachen und Weinen zappelt.

Wesentlich tragen dazu aber auch die jungen Schauspieler bei: Lola Dockhorn als polnische Pflegekraft absolviert minutenlang einen glitschigen Zungenbrechermarathon („Fischer Fritz fischt …“), der ihr mehrfach Szenenapplaus einbringt. Der 25-jährige Baran Sönmez in der Titelrolle wirkt als Tattergreis so selbstverständlich und unprätentiös wie ein Fisch im Wasser. Außerdem spricht er, obwohl in Heidenheim geboren, ein fließendes Bairisch, das nicht nur die Laute perfekt trifft, sondern auch den typischen Artikulationsduktus eines ländlichen Mundart-Muttersprachlers. Lasse Stadelmann als Sohn bringt die Drangsal von Angehörigen eines Pflegefalls zum Ausdruck, die zwischen schlechtem Gewissen und Berufsleben ins Schwimmen kommen – wobei er es noch schafft, gelegentlich Komik aufblitzen zu lassen. Kurzum, der Abend ist ein kleines Meisterstück, mit dem sich das Team tosenden Beifall angelte.ALEXANDER ALTMANN

Weitere Vorstellungen

am 1., 14. und 22. März;
Telefon 089/523 46 55.

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