In Entenhausen menschelt es

von Redaktion

Der Zeichner Carl Barks erfand die Donald-Duck-Abenteuer, wie wir sie kennen

Mitunter doch ein Held: Donald und seine Neffen Tick, Trick und Track im Abenteuer „Sheriff of Bullet Valley“.

Nein, nicht jeder isst gerne scharf – und schon gar nicht, wenn er ein gigantischer Meeresbewohner ist. In der Geschichte „Der Geist in der Grotte“ wird Donald Ducks kleiner Neffe Trick gekidnappt – und bewacht von einem Mega-Oktopus unter einem Schiffswrack. Die rettende Idee: Tricks Bruder Tick würzt einen Lappen Fleisch kräftig mit Chili und wift ihn als Roulade dem Kraken zum Fraß vor. Resultat: Der gebrannte Riese sprengt das Wrack und flüchtet empört. Rettungsmission geglückt!

Gezeichnet hat diesen Comic aus dem Jahr 1947 Carl Barks. Der „gute Künstler“, wie ihn mit der Zeit immer mehr Fans nannten. Dass er diesen Spitznamen verliehen bekam, lag daran, dass die Comics rund um die Entenfamilie nur unter der Signatur Walt Disney firmierten. Die individuellen Zeichner und Autoren aus der Company blieben anonym – und doch: Die Geschichten des „good Artist“ waren unverkennbar.

Wie sehr sie sich von denen anderer Comic-Autoren unterschieden, das zeigt jetzt ein voluminöses Kompendium von Barks‘ frühen Werken aus den Jahren 1942 bis 1950 (siehe Kasten). Seine humorvollen Abenteuer führen die Enten oft in entlegene Gegenden des Globus – vom alten Peru bis zum Nordmeer. Sie zeichneten sich durch eine trockene, düstere Ironie aus und präsentierten Donald als Jedermann, der mit den Härten des Alltags zu kämpfen hatte. Seine Neffen Tick, Trick und Track kommentierten derweil wie ein griechischer Chor die sich anbahnenden Katastrophen, die Donald sich selbst eingebrockt hatte. Doch trotz des scheinbar resignierten Tons schimmerte die Menschlichkeit der Figuren durch – und sei es, weil sie sich allen Hindernissen mit stoischer Beharrlichkeit stellten.

Zu sagen, dass Barks Donald Ducks Karriere erst ins Laufen brachte, wäre wohl übertrieben. Der Erpel war schon auf dem Weg zum Star, als der Zeichner in den Disney-Studios anheuerte. Anfangs war Donald nur eine Nebenrolle neben dem braven Micky Maus beschieden, der Choleriker hatte sich aber bald auf Platz eins in der Gunst des jungen Publikums geschnattert. Doch erst als Barks ab 1942 ganze Duck-Geschichten für den Verlag Western Publishing verfasste, explodierte das Enten-Universum: Als er 1947 eine Weihnachtsgeschichte zeichnen sollte, entwarf er nach dem Vorbild von Charles Dickens einen reichen Onkel für Donald: Scrooge McDuck (deutsch: Onkel Dagobert). Ihm folgten weitere Figuren wie Gustav Gans, Daniel Düsentrieb, Oma und Daisy Duck sowie später die Panzerknacker und Gundel Gaukeley. Barks gab ihnen auch ein Zuhause: Duckburg, auf Deutsch: Entenhausen.

Carl Barks hatte nie eine klassische Bildung genossen – auch das Zeichnen hatte der 1901 auf einer Farm in Oregon geborene Autodidakt nicht wirklich gelernt. Er war schwerhörig, schlug sich im Sägewerk, einer Eisenbahn-Werkstatt, als Farmer durch – doch von der Kunst ließ er sich nie abbringen. „Als er mit Donald anfing, hatte er bereits eine lange, bittere Lebenserfahrung hinter sich“, sagt der Münchner Comic-Zeichner Jan Gulbransson, der die Enten heute für den Ehapa-Egmont-Verlag entwirft. „Er hat die menschliche Natur gekannt – man konnte seinen Figuren in die Seele schauen.“

Barks starb im Jahr 2000 im Alter von 99 Jahren – nun eine Legende, dank Donald Duck. Für ihn war klar: „Es gibt wohl niemanden, der sich nicht mit Donald identifizieren könnte. Er macht dieselben Fehler wie wir alle.“ Es ist wohl, wie Gulbransson sagt: „Carl Barks hat Donald zum Menschen gemacht.“JOHANNES LÖHR

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