„Und da bin ich glücklich gewesen.“ Sagt Franz Xaver Kroetz über sein Stück „Geschichtn vom Brandner Kaspar“, das er fürs Residenztheater schrieb. © Michaela Rehle
Es ist vermutlich die charmanteste Absage, die in den vergangenen Jahren im Kulturressort eingegangen ist. „Für Ihre Anfrage bedankt sich Herr Kroetz. Ich darf für ihn dazu Folgendes antworten: FXK hat sich schon länger aus dem öffentlichen Raum zurückgezogen, nur noch selten Interviews gegeben und wenn, dann aus triftigem Grund. So etwa zu seinem letzten Buch ,Ich spür Herbst‘, 2021, dem ,Selbstportrait mit Schattenseiten‘ oder zur Uraufführung seiner ,Geschichtn vom Brandner Kaspar‘, 2025, seinem ,letzten Volkstheaterstreich‘. Derzeit gibt es keinen triftigen Grund für Interviews, denn 80 ist für ihn nur eine Zahl, aber kein Ereignis, zu dem er Stellung beziehen möchte.“
Diese Zeilen hat Franz Xaver Kroetz in den zurückliegenden Tagen so oder so ähnlich an alle geschickt, die mit ihm im Vorfeld seines 80. Geburtstags am morgigen Mittwoch sprechen wollten. In der Nachricht an uns hat der Dramatiker und Lyriker noch ein PS hinzugefügt: „Und so ist es auch, denn, um‘s mit dem wundersamen Dichter Ernst Herbeck zu sagen: ,Die Vergangenheit ist klar vorbei‘ – und meine Zukunft passt in eine Urne. Beides interessiert mich derzeit nicht. Schönen Gruß, Ihr FXK.“
Der Kroetz wird 80 – und hat so gar keine Lust, über sein Jubiläum zu reden. Das ist ein gutes Zeichen, jawohl! Jede andere Reaktion wäre wohl ein echter Grund zur Sorge, der Mann ist schließlich alles andere als eine Plaudertasche. Zum Glück. Ein Autor meldet sich eben nur zu Wort, wenn es einen guten Grund gibt. Ein solcher kann sein: ein neues Werk (siehe oben), oder Kroetz hat sich sakrisch geärgert, wie vor drei Jahren über Bayerns Akademie der schönen Künste, aus der er dann auch gleich ausgetreten ist (wir berichteten).
Ein Schriftsteller spricht letztlich durch sein Schaffen, klar. „Etwa 30 Prozent von dem, was ich geschrieben habe, ist veröffentlicht. Von diesen 30 Prozent sind gut zehn Prozent in einer gewissen Zeit einer breiteren Schicht von Literaturinteressierten zugänglich gewesen“, sagte Kroetz einmal im Gespräch mit unserer Zeitung. Dann kam das Jahr 1986: Kroetz wurde durch seine Rolle als Klatschreporter Baby Schimmerlos in Helmut Dietls Fernsehserie „Kir Royal“ berühmt. Sehr viel berühmter, als er es durch sein Schreiben war. „Der Erfolg von Baby Schimmerlos hat den Autor Kroetz in den Abgrund gerissen“, stellte er bei unserem Interview damals bei ihm zu Hause in Pasing-Obermenzing fest. Weiter sagte er: „Ich habe unter dem Ungleichgewicht der beiden Transmissionsriemen Schauspieler und Schriftsteller gelitten.“
Es stimmt ja auch: Kroetz, 1946 in München geboren und in Niederbayern aufgewachsen, schreibt bereits als Jugendlicher. Die Uraufführung seiner Einakter „Heimarbeit“ und „Hartnäckig“ 1971 an den Münchner Kammerspielen begründet seinen Ruf als Erneuerer des Volksstücks. Der „Kir Royal“-Erfolg sorgt dafür, dass er fortan sehr häufig ausschließlich als Schauspieler wahrgenommen wird. Nichts gegen seine Leistung im Fernsehen und auf der Leinwand! Aber wer ihn liest – die Stücke (!!), seine Prosa (!), die Lyrik (!!!) – erkennt, wie ungerecht das ist.
Vielleicht ist es also das schönste Geschenk zum 80., dass im vergangenen Sommer an dieser Stelle etwas grundsätzlich wieder ins Lot gekommen ist. Möglich gemacht hat das Andreas Beck. Der Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels hat bei Kroetz ein neues Stück zur alten Geschichte des Brandner Kaspar bestellt.
Und dann: Auftritt Pegasos, das geflügelte Dichterross gilt in der griechischen Mythologie als Sinnbild der Dichtkunst. Aber Obacht, es wird etwas derb: „Und dann hat der Pegasos tatsächlich so wie früher, als ich jung war, geschissen: kurz und gut und ohne Qual“, verriet der Dichter unserer Zeitung. „Und da bin ich glücklich gewesen.“ Premiere war im vergangenen Juni, seitdem ist der Abend regelmäßg ausverkauft (siehe Kasten). Und so wie der Kroetz, der halt immer noch in erster Linie Dichter und Dramatiker ist und eben nicht Baby Schimmerlos, so wie also der Kroetz sein Glück kaum fassen konnte, können wir Literaturliebhaber und Theaterfans das unsere kaum begreifen. Glückwunsch!MICHAEL SCHLEICHER