STAATSOPER

Kalte Rache

von Redaktion

Wiederaufnahme von „Salome“ mit Asmik Grigorian

Tanz mit dem Tod: Asmik Grigorian und Peter Jolesch. © Geoffroy Schied

Die Sensation ist fast schon wieder Geschichte. Acht Jahre ist es her, dass in Salzburg ein neuer Star geboren wurde, eine Netrebko der anderen, modernen Art. Asmik Grigorian machte seinerzeit die Salome zu ihrer ureigenen Angelegenheit (was sie ja eigentlich mit allen Rollen tut), und das Publikum klappte 100 Minuten den Mund nicht mehr zu: Eine solche singdarstellerische, atomkraftstarke Intensität gibt es nur alle Jubeljahre einmal. Mit ihrer Signet-Partie ist die gebürtige Litauerin endlich und reichlich spät in München angekommen, zur Wiederaufnahme der sieben Jahre alten Inszenierung von Krzysztof Warlikowski. Etliche hochdramatische Einsätze zwischen Turandot und Lady Macbeth hat die Diva 2.0 inzwischen hinter sich, man hört es ihr etwas an.

Fulminantes Dirigat von Thomas Guggeis

Also doch Verschleißerscheinungen? Die Grigorian, auch das spricht für ihre Reflexion und künstlerische Klugheit, geht es an diesem Abend anders an. Das Energielevel wird langsam gesteigert, anfangs steht sie vokal auf der Bremse. Und macht alles wett mit ihrer Ausstrahlung: Sobald diese Ausnahmekünstlerin ein kleines Regie-Angebot findet, baut sie es ein in ihr sehr persönliches Charakterporträt – als ob sie mit Regisseur Warlikowski monatelang geprobt habe. Diese Salome ist kein frühgeiles, frühreifes Früchtchen, diese Frau nimmt kalte Rache. Was also weiterhin verblüfft: die singuläre Präsenz dieser Naturschauspielerin. Und was man auch wieder registriert: Textarbeit ist weniger ihre Sache. Einen Großteil der Konsonanten hat sie in der Garderobe gelassen. Dafür verlässt sie sich auf eine prägnant kanalisierte Stimme, die sich mit aparten Säurewerten durch die Orchesterwogen pflügt.

Wer etwas verstehen will vom Text, der hält sich in dieser Vorstellung an Wolfgang Koch und seinen (von der Regie so gewollten) Jochanaan-Schluffi. Oder ans Herrscherpaar Gerhard Siegel (ein sehr heldischer Herodes) und Claudia Mahnke (Herodias). Oder an Joachim Bäckström. Der singt die kleine Rolle des Narraboth, ist aber ab Sommer Münchens neuer Siegmund. Eine helle, eher schmale, musterhaft fokussierte Tenor-Stimme, ein ausstrahlungsstarker Typ – man kann sich auf sein hiesiges Wagner-Debüt freuen.

Der Mann des Abends steht allerdings im Graben. Thomas Guggeis, 33 Jahre jung, gebürtiger Dachauer, ehemaliger Assistent Daniel Barenboims und seit 2023 Generalmusikdirektor der Oper Frankfurt, ist quasi heimgekehrt. Die Bayerische Staatsoper hat ihn schon mit Konzerten betraut. Sein hiesiges Opern-Debüt mit der „Salome“ ist fulminant. Auch etwas laut, die überschießende Energie sei ihm verziehen.

Guggeis dirigiert die komplexe Partitur von Richard Strauss, als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt. Ein Alleswisser. Ein Mann mit Ganzkörperschlagtechnik. Und einer, der seine Vorstellungen handwerklich souverän (und aufgekratzt) umsetzen kann. Andere stecken ihre Nase in die Partitur, Guggeis ist für das Staatsorchester und das Bühnenteam fast ständig präsent. Beste alte Kapellmeisterschule ist das. Der Klang wirkt ungewöhnlich geschärft und strahlt im Neonlicht, das Orchester ist reaktionsstark und mit Lust dabei. Der Mann ist ministrabel: Warum sollte Guggeis nicht 2029 auf Vladimir Jurowski folgen?MARKUS THIEL

Weitere Vorstellungen

am 26.2., 1., 5. März;
Telefon 089/21 85 19 20.

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