Trainingseinheit

von Redaktion

Philharmoniker mit Manacorda und Levit

Jubel für Antonello Manacorda (li.) und Igor Levit. © T. Hase

Einen Moment gibt es, wir sind im dritten Satz, da trifft sich Johannes Brahms mit Toshio Hosokawa. Da gerät der Romantiker ins Flüstern, Klavier und Orchester sind nur noch Klanghauch, ein intimer Dialog, ein Vortasten zur Hörbarkeitsschwelle. Fast so wie das 2011 uraufgeführte Stück „Blossoming II“. Hosokawa schildert da das Erblühen und Vergehen einer Lotosblume, von den Münchner Philharmonikern entsprechend behutsam gestaltet. Jedenfalls das, was von dem Zehnminüter zu hören ist – Teile des Publikums in der Isarphilharmonie spielen nämlich Lungensanatorium.

Bis zum zweiten Klavierkonzert von Brahms nach der Pause hat man sich gottlob freigehustet. Zumal Igor Levit gerade in den feinen, fragilen Stellen am besten ist. Die leise Intensität des Andante, das wie schwerelose Spiel, die zartbitteren Korrespondenzen mit dem Orchester: Levit gibt den Filigranarbeiter. Ohnehin ist der Mann kein Donnerer. Andere mögen den Kopfsatz hinklotzen, Levit gestaltet, als ob er mit vorgehaltener Hand erzählt. Keine gemeißelten Klänge, der Ton ist eher ummäntelt, wie mit Dämpfer gespielt. Und wenn es zur Attacke kommt, dann ist da ein Wohlerzogener am Werk.

Das geht so weit, dass die Münchner Philharmoniker in diesem Stück präsenter, prägnanter sind – zumal Dirigent Antonello Manacorda viel von ihnen fordert. Das Klischee von der „Symphonie mit Klavierbeilage“, es lässt sich an diesem Abend nicht ganz wegdiskutieren.

Nach den leisen Klangerforschungen mit Hosokawa zu Beginn darf sich mit Ludwig van Beethovens zweiter Symphonie der Knoten lösen. Die glückt wesentlich besser als die Neunte vor einigen Jahren am selben Ort, als Manacorda gegen philharmonische Routine andirigieren musste. Ohnehin wird die Zweite kaum gespielt, eine entsprechend erfrischte halbe Stunde ist das Ergebnis.

Historisch informiert, das ist bei den Supertankern der Szene längst Standard. Bei Manacorda klingt alles wie eine Trainingseinheit in Sachen Klangrede. Hoch- bis übertourig, ein eng gesteckter Slalom, ein Jonglieren mit teils extremen Kontrasten – so, als ob da ein Orchester alle paar Takte eine andere Grimasse schneidet. Sehr gehaltvoll ist diese Deutung, und manchmal wirkt sie auch etwas gewollt. Selbstverständlichkeit mag sich da erst in den beiden Folgekonzerten einstellen. Und trotzdem: Dieser Beethoven tut beiden Seiten gut, dem Orchester wie dem Publikum.MARKUS THIEL

Artikel 4 von 11