Tricia Tuttle leitet seit 2024 die Berlinale. © Gollnow
Tricia Tuttle darf die Filmfestspiele Berlin vorerst weiter als Intendantin führen. Eine Sondersitzung des Aufsichtsrates der Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH (KBB) ist am Donnerstag ohne konkrete Ergebnisse zu Ende gegangen. Die Gespräche über die Ausrichtung der Berlinale würden in den kommenden Tagen zwischen der Intendantin und dem Aufsichtsratsgremium fortgesetzt, teilte ein Sprecher von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) mit.
Damit hat sich Weimer als Aufsichtsratsvorsitzender der KBB verspekuliert und zu weit aus dem Fenster gelehnt. Auf sein Geheiß wurde die Sondersitzung einberufen, um die Vorkommnisse während der Berlinale aufzuarbeiten. Dort gab es Solidaritätsbekundungen mit Gaza. Bei der Preisgala warf der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib Deutschland vor, an einem Genozid mitzuwirken.
Weimers Vorhaben, Tuttle zu entlassen, stieß auf Proteste. Tuttle erfährt ausgerechnet Unterstützung von führenden israelischen Filmschaffenden. „Tuttle abzusetzen wäre ein schwerwiegender Fehler“, heißt es in dem Schreiben. Zu den Unterzeichnern des an Weimer gerichteten Briefs gehören unter anderem der israelische Regisseur Yuval Abraham, einer der Co-Regisseure des Oscar-prämierten Films „No Other Land“. Auch der israelische Filmemacher Tom Shoval solidarisiert sich mit Tuttle. „Wir waren in der Vergangenheit nicht immer einer Meinung mit Tricia Tuttle, da wir ihre Haltung als Zugeständnisse an den politischen Druck empfanden, der den kulturellen Diskurs in Deutschland prägt“, schreiben die israelischen Filmemacher. Sie schätzten dennoch Tuttles „Integrität und ihre ehrlichen Bemühungen um einen Dialog in einem öffentlichen Klima, das dies äußerst erschwert“. Die Berlinale-Chefin habe ihre „volle Unterstützung“.
Die erfährt Tuttle auch von Carsten Brosda, Präsident des Bühnenvereins und Hamburger Kultursenator. „Freiheit bedeutet auch die Freiheit zum öffentlichen Widerspruch“, so Brosda. „Sie beruht geradezu darauf, aus diesem Widerspruch entstehen Diskurs, Verständigung und Aufklärung. Daran wachsen Demokratien. Wenn Staat und Regierung diesen bisweilen anstrengenden Prozess nicht ertragen, beschädigen sie nicht nur nachhaltig die Kunstfreiheit, sondern auch den demokratischen Grundkonsens. Ich habe Sorge, dass das gerade passiert.“ Überdies gibt es einen offenen Brief von internationalen Kulturschaffenden, darunter Oscar-Preisträgerin Tilda Swinton.TH