Gleichklang: Vilde Frang und Iván Fischer. © Ackermann
Authentischer geht es nicht. Kein Komponist hat sich so akribisch oder leidenschaftlich mit der Musik seiner Heimat beschäftigt wie Béla Bartók. Mehrere tausend Lieder, Tänze und Volksmelodien hat er gesammelt und immer wieder in seine Werke einfließen lassen. Und wenn wir gerade von Superlativen sprechen, soll auch bei Iván Fischer nicht mit Lob gespart werden – angesichts der Fülle an Farben, die er am Pult des BR-Symphonieorchesters aus Bartóks „Dorfszenen“ herauskitzelte. Mit tatkräftiger Unterstützung der Damen des BR-Chors, die sich bei den urwüchsigen Tanzmelodien von Fischer bereitwillig aus der Reserve locken ließen und sowohl im Kollektiv als auch solistisch überzeugten. Ein delikater Balance-Akt zwischen hart und zart, den Fischer auch bei Bartóks zweitem Violinkonzert meisterlich beherrschte.
Absolut auf Augenhöhe mit ihm agierte dabei Vilde Frang, die sich der rhythmisch komplexen Partitur ebenso kompromisslos auslieferte. Mit warmem, erdigem Ton, aber auch mit dem nötigen Durchsetzungsvermögen, wenn die Emotionen hochbrausten. Trotzdem wirkte hier nichts erzwungen. Zum einen, weil der Blickkontakt zwischen Iván Fischer und seiner Solistin nur selten abriss. Aber vor allem, weil zwischen ihren hochkonzentrierten Phrasen immer wieder auch Zeit für ein anerkennendes Lächeln in Richtung Orchester blieb. Kein Wunder also, dass ihr am Ende nicht nur die Musikerinnen und Musiker huldigten, sondern auch das Publikum sie nur schwer ziehen lassen wollte.
Wer nach dem kantigen Bartók bei Mendelssohns „Schottischer Symphonie“ auf Erholung gehofft hatte, durfte sich im zweiten Teil des Abends ein weiteres Mal überraschen lassen. Auch diesem Meisterwerk näherte sich Iván Fischer mit einer unglaublichen Dringlichkeit. Klar strukturiert und stets auf den großen Bogen bedacht. War es da ein wenig plakativ, dass er die einzelnen Orchestergruppen zur grandios gesteigerten Freiheitshymne gestaffelt nacheinander aufstehen ließ, um das Crescendo auch optisch zu kommentieren? Vielleicht. Doch die Gänsehautstimmung sprach ebenso für sich wie der enthusiastische Beifall, der sich danach im Herkulessaal entlud.TOBIAS HELL