„FAZ“-Kulturchefin Sandra Kegel (li.) führte das Interview mit Pelicot (Mi.), Caroline Peters las aus ihrem Buch. © aki
Sichtlich bewegt: Gisèle Pelicot auf der Bühne des Münchner Residenztheaters, wo sie ihr Buch „Eine Hymne an das Leben“ vorstellte. © ALEXANDRA BEIER/afp
Minutenlanger stehender Beifall erfüllt das ausverkaufte Münchner Residenztheater, als Gisèle Pelicot die Bühne betritt. Noch hat sie kein einziges Wort gesprochen. Steht nur da, zierlich im eleganten Anzug mit rostrotem Bob und wachem Blick. Sie ist in München, um über ihr Buch „Eine Hymne an das Leben“ zu sprechen. Ruhig und besonnen kleidet die Französin, die über Jahre Opfer sexuellen Missbrauchs wurde, das Unvorstellbare in sachliche Worte und löst damit umso größere Emotionen aus.
Ihr Terminkalender sei voll. „Vor wenigen Tagen war sie noch zum Tee bei Königin Camilla in London eingeladen“, erklärt Literaturhaus-Chefin Tanja Graf, die diesen berührenden Abend gemeinsam mit dem Residenztheater auf die Beine gestellt hat. In den kommenden Wochen wird Pelicot ihr Buch in 22 Ländern vorstellen. Dass sie es nun in Deutschland präsentieren könne, bedeute ihr viel, sagt die 73-Jährige, die 1952 im schwäbischen Villingen als Tochter französischer Eltern geboren wurde.
Was Pelicot erlebt hat, sprengt jedes Vorstellungsvermögen. Über Jahre hinweg wurde sie von ihrem Ehemann mit Medikamenten betäubt, missbraucht und mindestens 50 Männern zur Vergewaltigung angeboten. Ein Doppelleben, von dem sie nichts wusste. Zehn Jahre ihres Lebens waren geprägt von rätselhaften gesundheitlichen Problemen: Gedächtnislücken, die sie fürchten ließen, sie könne einen Gehirntumor haben oder dement werden. Dazu Unterleibsschmerzen ohne erkennbare Ursache. Bei vielen Arztbesuchen an ihrer Seite: ihr damaliger Mann Dominique – fürsorglich und aufmerksam. Der Mann, in den sie sich Jahrzehnte zuvor spontan verliebt hatte. Mit ihm bekam sie drei Kinder und träumte von einem gemeinsamen Lebensabend in Südfrankreich.
Schauspielerin Caroline Peters liest das erste Kapitel aus ihrem Buch, das im Piper-Verlag erschienen ist. Es beschreibt den Moment, als Gisèle ihren Mann aufs Präsidium begleitet, weil dieser fremden Frauen im Supermarkt unter den Rock gefilmt hatte. In der Gendarmerie wurde Pelicot dann mit Fotos konfrontiert, die sie selbst zeigen – reglos, von fremden Männern missbraucht. „Ich dachte die ganze Zeit. Das bin ich nicht, diese schlaffe Puppe kann ich nicht sein.“ Die Ermittlungsergebnisse der Polizei, die Handy und Laptop ihres Mannes konfisziert hatte, überrollten sie „wie ein Tsunami“. Heute weiß sie: Hätten die Beamten ihn nicht durch Zufall erwischt, wäre sie jetzt wohl nicht mehr am Leben.
Der schlimmste Moment aber sei gewesen, ihren drei Kindern die Wahrheit zu sagen. „Ich wollte sie begleiten, für sie stark sein, aber mir hat manchmal selbst die Kraft gefehlt“, erzählt sie an diesem Abend. Nicht immer schweißen Katastrophen Familien zusammen. Sie verstehe die Wut ihrer Kinder und ihr Bedürfnis, die Vergangenheit zu zerstören. Doch sie selbst habe sich entschieden, nicht im Hass zu verharren. „Ich habe 50 Jahre mit diesem Menschen verbracht und kann sie nicht dem Hass opfern. Man kann sein Leben nicht zweimal leben.“ Auf der Bühne nennt sie ihren Peiniger nur „Herrn Pelicot“. Er sei ein liebevoller, zuvorkommender Partner gewesen. „Seine perverse Seite, das Monster, das in ihm wohnte, hat er vor der Familie sorgfältig versteckt gehalten.“
Wäre es nur um ihn gegangen, hätte Gisèle Pelicot den Prozess nicht öffentlich geführt. Doch in Avignon saßen 50 weitere Männer auf der Anklagebank. Fremde, die sie brutal misshandelt haben, als sie bewusstlos war. „Ich wollte ihnen nicht allein gegenüberstehen“, sagt sie über die Vergewaltiger und ihre 49 Verteidiger. Bis heute hat sie diesen Schritt nicht bereut. Der Ausschluss der Öffentlichkeit schütze nicht die Opfer, sondern die Täter.
Inzwischen ist Gisèle Pelicot frisch verliebt. „Man muss lernen, wieder zu vertrauen, damit nach dunklen Zeiten Farbe ins Leben kommt.“ Als der Abend im Residenztheater zu Ende geht, stehen die Menschen erneut auf, viele haben Tränen in den Augen, und auch Pelicot ist von der Welle der Sympathie gerührt, den „Vive, Gisèle“-Rufen. Der Applaus gilt nicht nur einer Autorin. Er gilt einer Frau, die das Unsagbare ausgesprochen hat – und die aus tiefster Dunkelheit eine Hymne an das Leben gemacht hat.ASTRID KISTNER