Musik zum US-Wahnwitz

von Redaktion

Saxofonistin Ingrid Laubrock über ihre neue Komposition und ihr Münchner Konzert

Eine der wichtigsten Figuren des progressiven Jazz: An diesem Sonntag spielt Ingrid Laubrock im Schwere Reiter. © privat

Seit die im Münsterland geborene Saxofonistin Ingrid Laubrock 2008 nach New York gezogen ist, hat sie sich zu einer der wichtigsten Produktivkräfte der dortigen Szene und des progressiven Jazz weltweit entwickelt. In scheinbar rastloser Arbeit veröffentlicht sie Alben und kehrt regelmäßig auf Tourneen mit eigenen Ensembles oder in den Bands anderer Kreativgeister auf Bühnen hierzulande zurück. An diesem Sonntag kommt Laubrock nach München, um im Schwere Reiter mit ihrem Ehemann, dem Weltklasse-Schlagzeuger Tom Rainey, und dem Ensemble Studio Dan drei ihrer Werke (zum Teil ur-)aufzuführen. Tickets gibt es unter schwerereiter.de.

Wie kam es zu diesem speziellen Kompositionsauftrag?

Dieser Auftrag ist gewissermaßen die Fortführung des ersten Auftrags von Studio Dan im Jahr 2023. Damals hatte ich zwei Stücke geschrieben, „Zones 1 & 2“, die wir beim Festival „Klangspuren“ in Schwaz uraufgeführt haben. Daniel Riegler hatte mich 2025 gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, eine dritte Komposition zu schreiben, sodass es ein abendfüllendes Programm gibt. Dieses Programm spielen wir jetzt in drei Konzerten. Es gibt auch Pläne, es aufzunehmen.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Studio Dan? Was schätzen Sie an diesem Ensemble besonders?

Daniel hat mich kontaktiert und gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, für das Ensemble zu schreiben, und mir Links zu einigen ihrer Aufnahmen geschickt. Soweit ich mich erinnere, waren Stücke von Anthony Braxton, George Lewis und Anthony Coleman dabei — alles Komponisten, die ich sehr schätze. Mir schien, dass die Gruppe musikalisch auf einer ähnlichen Wellenlänge ist wie ich, was sich dann in den Proben auch schnell bestätigt hat. Meine Musik verbindet Improvisation mit notierter Musik, die manchmal auch relativ komplex sein kann. Man muss oft von einem zum anderen springen, wofür die Musiker von Studio Dan sehr empfänglich sind, sie sind alle sehr flexibel. Bei der Gruppe ist auch interessant, dass es viele Blasinstrumente, aber kein Harmonie-Instrument gibt. Wir haben auch ein Tubax, eine Art Es-Kontrabasssaxofon, sowie ein Kontrabassfagott dabei, was einen ganz besonderen Sound ergibt.

Wie haben Sie die Kompositionen angelegt, die am 1. März aufgeführt werden? Gibt es ein Thema, eine Inspirationsquelle?

Die Inspirationsquelle ist im Moment sehr oft die unglaublich schwierige Situation in den USA, mit unserem wahnwitzigen und grausamen Präsidenten und seiner Gang von inkompetenten, gefährlichen „Sidekicks“, aber auch mit einer lebendigen und inspirierenden Gegenbewegung. Das neue Stück heißt „Torn“, also „Zerrissen“, wohl auch, weil die Musik immer wieder aufgerissen wird und sich im Verlauf zunehmend verdüstert. Außerdem wollte ich durch eine Art Verwischen der Klangfarben widerspiegeln, wie unsere zivilen Rechte allmählich und systematisch immer mehr erodieren und ausgelöscht werden. Viel mehr kann ich im Moment über die Musik noch nicht sagen, weil wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht angefangen haben zu proben, und auch, weil es improvisierte Teile gibt.

Wie ist das Verhältnis von Komposition und Improvisation?

Das genaue Verhältnis kann ich nicht benennen. Ich schätze, dass etwa 70 Prozent komponiert und 40 Prozent improvisiert sein werden, was sich so erklärt, dass es Überlagerungen gibt. Einige Male habe ich auch nur Klangfarben beschrieben oder organisiert, sodass die Musiker ihre eigenen Stimmen, die sie auf ihren Instrumenten entwickelt haben, einbringen können. Mir ist es immer wichtig, dass Musiker sich eine Komposition aneignen. Sie sind ja die Protagonisten, die die Musik zum Leben bringen, und mir ist ihr Input wichtig.

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