Zwischen Kindergeburtstag und BMW-Bashing: Szene mit Steffen Link. © Gabriela Neeb
Sie ist quasi der Heckspoiler des Abends: Mit Dauerwelle und Cowboystiefeln sieht die Titelheldin wie eine ländliche Discoqueen um 1980 aus; und man kann fast Mitleid haben mit der starken Schauspielerin Marlene Markt, dass sie als mythische, muttermordende Königstochter Elektra derart dotschert daherkommen muss. Passend wirkt es trotzdem, denn die erste Hälfte dieser Uraufführung am Volkstheater erinnert zumindest von der Phonzahl her an eine Disco. Streckenweise wird da in einer solchen Lautstärke hysterisch durcheinandergeschrien, dass man kein Wort mehr versteht.
Dabei ist der Kavalierstart von „ELEKTRA – 750 PS Vergangenheitsüberwältigung“ doch auch amüsant, weil er als groteske Klatschspalten-Farce und herrlich alberner Kindergeburtstag eher zweitaktermäßig daherknattert: „Heimat deine Sterne“ tönt es aus dem Lautsprecher, während Gott Apollon (Genet Zegay) als Close-up auf einer Riesenleinwand erscheint und Elektra anraunzt: „Löse den Fluch, verdammte Scheiße.“ Die Genannte ballert derweil lieber mit einer Armbrust im Gewächshaus-Bühnenbild herum, und ihre Mutter, die BMW-Erbin Susanne Klatten (Liv Stapelfeldt als „Deutschlands beliebteste Milliardärin“), turtelt mit ihrem Lover, dem bekannten Hamburger Objektkünstler Andreas Slominski, den der Schauspieler Steffen Link als seifige Opportunisten-Knallcharge nicht sehr schmeichelhaft karikiert.
Auch die Grundidee dieser Klassiker-Überschreibung könnte im Prinzip funktionieren: Regisseur Lorenz Nolting und die Autorin Sofie Boiten überblenden die Geschichte der Industriellenfamilie Quandt (aus der Susanne Klatten stammt) mit Sophokles‘ „Orestie“, der Tragödie des fluchbeladenen Atriden-Geschlechts, in dem sich die Familienmitglieder ständig gegenseitig umbringen. Wobei Susanne Klatten an die Stelle von Königsgattin Klytaimnestra tritt, die von ihren Kindern Elektra und Orest (Max Poerting) ermordet wird, weil sie ihrerseits ihren Gemahl meuchelte. Der „Fluch“ wiederum, der auf der Familie Quandt liegt, besteht darin, dass sie „ihr gesamtes Vermögen durch KZ-Zwangsarbeit verdient hat“, so der Text. In den Fabriken der Quandts, erfährt man, wurden in der NS-Zeit Zwangsarbeiter unter schrecklichsten Bedingungen „verbraucht“ – so wie von vielen bekannten deutschen Konzernen.
Tragisch ist aber nicht nur dieser Stoff, der dann im zweiten, dem Schock-Teil des Abends in einer rhapsodischen Gräuel-Beschwörung teils wortgewaltig ausgebreitet wird. Ein bisschen tragisch ist auch das Projekt selbst: Da wollen junge Theatermacher schon mal richtig politisch Gummi geben, bleiben aber im kleinbürgerlichen Rebellen-Aplomb stecken, verstolpern sich in gänzlich unpolitische Völkerpsychologie und landen bei Logikfehlern, die einem Kolbenfresser gleichen.
Wenn nämlich Elektra, die hier doch die Verbrechen der BMW-Vorfahren aufdecken will, nur durch Muttermord diese alte Schuld tilgen, den „Fluch lösen“ könnte, wie im Text postuliert, dann hieße das ja, dass Entsühnungsversuche selbst bloß durch neuen Frevel möglich sind, mit dem man die Untaten der früheren Generationen fortspinnt. Vielleicht hätte sich der Abend besser doch nicht übers Discoqueen-Niveau hinausgewagt. Anerkennender Beifall.ALEXANDER ALTMANN
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