Im Clinch: Mackie und Polizei-Chef „Tiger“ (Sebastian Müller-Stahl).
Objekt der Begierde: Mackie (Thomas Prazak) will Polly (Olivia Lourdes Osburg).
Erst das Fressen: Luca Nenning und andere Darsteller zeigten Fell und Krallen.
Toller Hecht im Karpfen-Kostüm landet auf der Speisenkarte: Die Augsburger Dreigroschenoper, eine knallige Revue. © Jan-Pieter Fuhr
„Die Dreigroschenoper“ geht immer. Und ironischerweise lässt der kapitalismuskritische Klassiker nun natürlich auch am Staatstheater Augsburg mal wieder so richtig die Kasse klingeln. Inszeniert hat hier zur Eröffnung des diesjährigen Brechtfestivals Regisseurin Sapir Heller, die das Spiel ums Fressen und Gefressenwerden in vertraute Bilder verpackt.
Im Zentrum stehen für sie vor allem die animalischen Urinstinkte. Denn wie heißt es doch schon bei Brecht und seiner oft unterschlagenen Co-Autorin Elisabeth Hauptmann so treffend: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral!“ Und wenn der Zeigefinger eh schon mahnend erhoben wird, ruft Heller dafür auch gleich noch den alten Römer Plautus mit seinem Ausspruch „Homo homini lupus est“ in den Zeugenstand. „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.“ Weshalb unter den bunten Kostümen im Stil der Swinging Sixties bei fast allen Figuren Pelz und Krallen herausspitzen.
Dass es sich dabei um Hyänen handeln soll, kann man im Programmheft nachlesen. Ebenso wie viele andere kluge Gedanken zum Stück, die sich in der szenischen Umsetzung aber leider oft selbst ein Bein stellen. Wenn etwa Mackie Messer am Ende nicht zum Galgen geführt wird, sondern bei der unfeinen Gesellschaft als Hauptgericht auf dem Esstisch landet, könnte das durchaus ein starkes Bild sein. Doch dass er dafür zuerst in ein überdimensioniertes Karpfen-Kostüm steigen muss, mit dem er aussieht wie die vernachlässigte Stiefschwester der kleinen Meerjungfrau Arielle, sorgt im Saal eher für Amüsement. Sapir Hellers Inszenierung mutiert nach starkem Auftakt nämlich immer mehr zu einer bunten Revue, die zwar zum Nachdenken anregen will, aber selten wirklich wehtut.
Dies gilt auch für den Orchestergraben. Dirigent Ivan Demidov treibt seine bunt zusammengewürfelte Truppe durchaus mit dem nötigen Drive voran. Ein bisschen mehr Dreck könnten die Ohrwürmer von Kurt Weill aber dennoch an der einen oder anderen Stelle vertragen. Schließlich ging es den Machern schon 1928 mehr um eine scharfe Satire vertrauter Opern-Klischees als um geschmeidigen Belcanto. Den darf man von einem reinen Schauspiel-Ensemble eh nicht erwarten, wo die richtige Tonhöhe zuweilen auch mal Glückssache ist. Aber das ist man bei der „Dreigroschenoper“ ja gewohnt.
Getragen wird die Augsburger Retro-Show vorrangig von Thomas Prazak. Als Mackie Messer bringt er die nötige Kaltschnäuzigkeit mit. Aber eben auch eine ordentliche Portion Charme, wenn es gilt, die beiden Objekte seiner Begierde zu umgarnen. Was aber zum Glück nicht unkommentiert stehen bleibt. Denn der Streit zwischen Polly und Lucy kommt dank Olivia Lourdes Osburg und Mirjana Milosavljević weniger als Zickenkrieg daher, sondern wird eher als Abschied vom bigamistisch veranlagten Schwerenöter zelebriert. Und ebenso viel Freude hat man auch an Natalie Hünig, die als Vater Peachum eine von bissigem Sarkasmus nur so triefende Vorstellung abliefert. Egal, ob sie mit der Obrigkeit feilscht oder mit dem Orchester schäkert.
So richtig interessant wird es aber leider erst zum Finale. Wenn als kleine Rebellion gegen die gewöhnlich streng auf „Werktreue“ achtenden Brecht-Erben plötzlich alle Akteure aus ihren Figuren heraustreten und es wagen, den großen BB zu hinterfragen. Zumindest so lange, bis der zuvor bereits als Vertreter des Pult-Patriarchats bloßgestellte Dirigent ein Machtwort spricht und autoritär das typische Opern-Happy-End einfordert. Solche Momente hätte dieser routiniert abgespulte Abend noch öfter vertragen können.TOBIAS HELL
Weitere Aufführungen
am 27. März, 12. April, 14. und 30. Mai. Karten zwischen 18 und 46 Euro unter www.staatstheater-augsburg.de.