Geistreiche Gedankenreise

von Redaktion

Helmfried von Lüttichau gelingt mit seinem zweiten Programm ein zauberhafter Abend

Mit Herz und Hirn: Helmfried von Lüttichau. © Knoll

Am Anfang ist die Mütze. Helmfried von Lüttichau dreht zu Beginn des Abends im Münchner Lustspielhaus auf einmal eine spinatgrüne Schirmmütze in seinen Händen. Genau so eine trug er jahrelang als Johannes Staller in der längst zum Kult avancierten ARD-Vorabendserie „Hubert und Staller“. Den offensichtlichen Abnabelungsprozess von der Serie hatte von Lüttichau schon Ende 2017 eingeleitet. Im Corona-Sommer 2021 feierte er trotz der widrigen Zeitläufte mit seinem ersten Solo-Bühnenprogramm „Plugged“ große Erfolge. „Weil’s raus muss“ heißt jetzt das zweite Programm, und erneut besticht sein Auftritt mit einer ganz unverstellten, anrührenden Ehrlichkeit.

Ohne jede Scheu und mit viel Herz lotet er die Grenzen zwischen Kabarett und Theater aus, zwischen Lyriklesung und Konzert. Die Kappe am Anfang, die setzt er sich dabei nicht mehr auf. Mit ihr baut Helmfried von Lüttichau nur geschickt noch einmal eine Brücke für die „Hubert und Staller“-Fans im Publikum. Ehe er alle im Saal mitnimmt auf seine wild umherspringenden, aber immer originellen und geistreichen Gedankenreisen. Schön eingekleidet in eine Art Vorstellungsgespräch bei der Hamburger Musikproduzentin Wendy, der er seine persönlich verfassten Songs für ein Album vortragen will.

Dabei geht dem selbst diagnostizierten „Glücksjunkie“ so einiges durch den Kopf, über die zunehmend zerrissene Gesellschaft ebenso wie über die heilsame Kraft der Poesie – und des deutschen Schlagers. Die liebenswert-seichten Gefilde des TV-Serien-Humors verlässt von Lüttichau schnell, um auf das zu sprechen zu kommen, was ihn wirklich umtreibt. Vom Nachdenken übers Altwerden, von Bob Dylan, Christian Anders und Rio Reiser gelangt er zu Robert Gernhardts Gedichten und zu Molières „Menschenfeind“, über den auberginefarbenen Dreiteiler und die Robin-Hood-heldenhaften Strumpfhosen schließlich zum finalen Rappen mit der nächsten Generation. Denn am besten funktioniert alles doch immer noch miteinander.ULRIKE FRICK

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