Direkt ins Herz getroffen

von Redaktion

Das Quatuor Ébène startet im Prinzregententheater seinen Beethoven-Zyklus

Ums Wort „sensationell“ kommt man nicht herum: Das Quatuor Ébène bietet ein Beethoven-Ereignis. © Julien Mignot

Es ist in aller Munde und gilt vielen als das beste Streichquartett unserer Zeit: das Quatuor Ébène. Was diese vier zum Auftakt ihres Beethoven-Zyklus im Prinzregententheater veranstalten, ist ein Ereignis. Um das Wort „sensationell“ kommt man nicht umhin. Der Zyklus ist demonstrativ unchronologisch angelegt. Als Erstes: sein zweites Quartett – Beethoven 1801 noch im Schatten Haydns, zumindest dem Papier nach. Doch schon hier denkt das Quatuor Ébène nicht historisch, sondern existenziell. Das Adagio cantabile singt, als läge das ganze Spätwerk bereits in ihm verborgen. Auch sonst ist jede Phrase ausgeklügelt, jedes Vibrato vollkommen homogen, und doch wirkt nichts kalkuliert. Alles atmet, alles lebt. Früh- oder Spätwerk spielen plötzlich keine Rolle mehr.

Dann Opus 135. Dieses rätselhafte Spätwerk, lakonisch, hellsichtig, mit jenem langsamen Satz, der in seiner Schlichtheit direkt ins Herz trifft. Die vier phrasieren so ungeheuer fein, so dunkel und so leuchtend zugleich, dass das anscheinend vollumfänglich verkühlte Publikum ganz vergisst zu husten.

Nach der Pause das cis-Moll-Quartett op. 131. Sieben Sätze ohne Unterbrechung, Beethovens kühnster Entwurf, Türöffner zu Mahler, ja bis Schönberg. Hier riskiert das Quartett alles: Vergeistigtes, dann wieder halsbrecherisches Fortissimo, immer in einer Homogenität, als wären vier Instrumente zu einem verschmolzen. Dabei wird der Klang von oben gebaut. Oktavparallelen führen die obere Stimme – entgegen mancher Lehrmeinung. Und siehe da: Der Klang gewinnt an Leuchtkraft, an Transparenz, an geistiger Höhe.

Im Presto des fünften Satzes dürften die Imitationen des zweiten Themas in der Tiefe noch stärker tragen – es sind seltene Momente auch im Schlusssatz, dem „Tanz der Welt selbst“, wie Richard Wagner ihn nannte, in dem man klanglich minimal mehr Fundament wünscht.

Während die Geiger Pierre Colombet und Gabriel Le Magadure seit 1999 in dieser Formation zusammenspielen, ist Cellist Yuya Okamoto seit 2024 dabei und fügt sich nahtlos ein. Ebenso Hélène Clément, die die im Mutterschutz befindliche Marie Chilemme vertritt. Dass dieses Ensemble in seiner Ursprungsbesetzung 2004 in München den ARD-Wettbewerb gewann, wirkt heute wie eine historische Fußnote. Mittlerweile ist es der Goldstandard. Der neue Zyklus aller Beethoven-Quartette soll 2027, im Jahr des 200. Todestages, enden. Wenn es so weitergeht, wird München bis dahin noch manches Wunder erleben.Willi Patzelt

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