Mitreißend: das Bayerische Landesjugendorchester mit Iván Fischer (re.) und Korbinian Altenberger. © Astrid Ackermann
Sicherlich muss man sich im Kulturbetrieb um vieles sorgen – um den musikalischen Nachwuchs jedoch nicht. Das Bayerische Landesjugendorchester (BLJO), Auswahlensemble für 13- bis 20-Jährige, musiziert im Herkulessaal auf einem Niveau, das manchem Berufsorchester zur Ehre gereicht. Auch wenn an einem Sonntag um 11 Uhr das Violinkonzert von Brahms mit Bartóks „Konzert für Orchester“ durchaus schwere Kost ist.
Dafür hat das BLJO seine großes Geschwister mitgebracht – das BRSO. Mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks besteht eine Patenschaft, und das nicht nur im Programmheft: Einige BRSO-Musikerinnen und -Musiker sitzen unterstützend mit auf dem Podium, und mit Korbinian Altenberger übernimmt der BRSO-Konzertmeister der zweiten Geigen den Brahms’schen Solopart. Diesen attackiert er eingangs mitreißend (und bezahlt das auch mit manchem Bogenhaar). Vor allem aber ist sein Piano von ganz einnehmender, silbriger Schönheit. Alles denkt er in großen, langen Phrasen, die er mit seiner hinreißenden Technik weit spannen kann. Man glaubt, dieser Geigenbogen sei unendlich lang.
Das BLJO spielt dazu unter der Leitung von Iván Fischer hochgradig professionell, mit starken Stimmführern, die teilweise den Eindruck vermitteln, diese Stühle bereits seit Jahrzehnten warmzuhalten. Sicherlich ist nicht jedes Detail bis ins Letzte austariert: Manches könnte in Timing und Balance an ein, zwei Stellen feiner justiert sein. Auch könnte das Adagio mehr Ruhe, ja mehr Schwermut vertragen. Aber im Finale kommt das Wesentliche rüber: Die jungen Leute haben ungeheure Spielfreude. Jugendlich-giocoso geht es ins Ziel.
Es ist genau jenes mitreißende Thema, das im fünften Satz von Bartóks „Konzert für Orchester“ wieder auftaucht – zumindest so ähnlich. Was bei Brahms noch romantisch eingebettet erscheint, tritt bei Bartók rhythmisch geschärft hervor. Und sofort zeigt sich, warum es „Konzert für Orchester“ heißt: Instrumentengruppen konzertieren solistisch miteinander, das Ensemble beleuchtet gleichsam sich selbst. Das BLJO trifft diesen Farbenreichtum präzise; im „Presentando le coppie“ sitzen die Einsätze, das Holz blitzt, das Blech bleibt kernig. Fischer hält die große Form zusammen.
Herzstück bleibt die dunkle Elegie: ein breiter, tragender Streichersound mit eindrucksvollen Gruppensoli. Ganz besonders schön: die Bratschen. Die Stimmung hinterher im Foyer erinnert etwas an ein Schulfest. Viele stolze Eltern sind gekommen. Und ihre Kinder spielen nicht nur „für ihr Alter“ gut. Sie spielen schlicht verdammt gut.WILLI PATZELT