Joana Mallwitz ist noch Chefin in Berlin. © Pauly
Nathalie Stutzmann debütierte mit „Faust“. © Ratti
Thomas Guggeis dirigierte hier gerade „Salome“. © Pauly
Acht Jahre sind genug. Das war schon im vergangenen Sommer klar, als Vladimir Jurowski seine letzte Vertragsverlängerung an der Bayerischen Staatsoper unterzeichnete. Als „krönenden Abschluss einer fantastischen Zusammenarbeit“ bezeichnete Kunstminister Markus Blume (CSU) damals diese Verlängerung. Jurowski, Jahrgang 1972 und seit 2021 Generalmusikdirektor des Hauses, geht nicht im Streit. Aber bald wurde offenbar, dass eine innigliche Liebe zwischen ihm und dem Staatsorchester nie zustande kommen wird. Überdies schwankten seine Dirigate zwischen Wohl (Prokofjews „Krieg und Frieden“, Weinbergs „Die Passagierin“) und Wehe (Mozarts „Don Giovanni“, Strauß‘ „Fledermaus“).
Drei Jahre sind es also noch bis zum Ausscheiden des gebürtigen Moskauers und Wahl-Berliners. Eine sehr kurze Zeitspanne in der Opernszene, große Produktionen haben einen Vorlauf von vier bis fünf Jahren. Was bedeutet: Die Nachfolgesuche müsste längst begonnen haben. Die Entscheidungsträger dürften vor allem Ausschau halten nach einem „großen Namen“– München war noch nie sonderlich wagemutig, Ruhm und Glamour werden hier traditionell eingekauft.
Immer wieder fällt in der Debatte der Name Joana Mallwitz. An der Bayerischen Staatsoper hat sie schon einige Male dirigiert: Wiederaufnahme-Serien von Tschaikowskys „Eugen Onegin“ und Donizettis „Liebestrank“, dazu ein Akademiekonzert im April 2024. Unvergessen die Szene, als Minister Blume bei Letzterem ganz vorn ins Parkett schritt, sich minutenlang umblickte, bis ihn schließlich jede und jeder gesehen hatte – ein demonstrativer Moment.
Mallwitz, Jahrgang 1986, kommt eigentlich von der Oper – auch wenn sie seit 2023 Chefdirigentin des Berliner Konzerthausorchesters ist. In der Hauptstadt ist sie, befördert von ihrer mächtigen Agentur, zur Marke geworden, die Abende sind fast immer ausverkauft. Schon während ihrer Chefinnen-Zeit am Staatstheater Nürnberg überraschte sie durch eine ungewöhnliche, breit aufgestellte Programmatik. Ihre selbst moderierten Einführungen sind enorm populär. Bislang blieb Joana Mallwitz an ihren Chef-Positionen immer nur eine Vertragslaufzeit. Nicht so sehr Sprunghaftigkeit, sondern Zielstrebigkeit spricht daraus: Diese Frau und ihre Berater wissen, was sie wollen. Ihr bisheriger Berliner Vertrag endet 2029 – ein nahtloser Wechsel nach München ist also möglich.
Wer auch in diese Debatte geraten ist (und schon im Staatsorchester diskutiert wird): Nathalie Stutzmann. Sie hat gerade an der Bayerischen Staatsoper mit Gounods „Faust“ debütiert. Die Karriere der ehemaligen Altistin hat in den vergangenen Jahren enorm an Fahrt aufgenommen. Der Durchbruch war 2023 das Bayreuth-Debüt mit Wagners „Tannhäuser“. Seitdem ist Nathalie Stutzmann, Jahrgang 1965, dort eine feste Größe. In diesem Sommer wird sie auf dem Grünen Hügel mit einem wichtigen Dirigat betraut: Sie steht bei „Rienzi“ im Graben, bei jener Wagner-Oper also, die im Festspielhaus noch nie gespielt wurde.
Seit 2022 ist Nathalie Stutzmann Chefin des Atlanta Symphony Orchestra, ab diesem Herbst übernimmt sie noch das Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo. Zu viele Posten für eine mögliche Generalmusikdirektorin der Bayerischen Staatsoper? Da könnte sie es mit Vladimir Jurowski halten: Der gab seinen Job beim London Philharmonic Orchestra auf, behielt parallel zu München aber seinen Chefposten beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin.
Joana Mallwitz und Nathalie Stutzmann, das wären für die Staatsoper ausstrahlungsstarke, PR-trächtige Namen. Auch weil viele finden, jetzt müsste das Staatsorchester endlich einmal von einer Frau geleitet werden. Vor diesem Hintergrund hätte dieser Mann eine Außenseiterchance, aber was für eine: Thomas Guggeis dirigierte gerade an der Bayerischen Staatsoper seine erste Oper: Strauss‘ „Salome“. Das Ergebnis (wir berichteten) war fulminant. Ein Kapellmeister bester alter Schule mit überschießendem Temperament, vor der „Salome“ stand er in München lediglich bei Konzerten am Pult. Guggeis, Jahrgang 1993, gebürtiger Dachauer und in Niederbayern aufgewachsen, ist seit Herbst 2023 Generalmusikdirektor an der Oper Frankfurt. Eine damals kühne Verpflichtung des ehemaligen Barenboim-Assistenten, die sich künstlerisch aber mehr als auszahlt. Sein bisheriger Vertrag läuft fünf Jahre, endet also 2028.
Alles hängt nun davon ab, wie sich die Staatsoper positionieren will. Vor allem, ob nach dem Qualitätsschub unter Kirill Petrenko zwischen 2013 und 2020 und einer gewissen Ernüchterung unter Vladimir Jurowski nun ein Name zur allseitigen Zufriedenheit gefunden werden kann. Bei alledem hat auch Intendant Serge Dorny ein Wörtchen mitzureden. Sein Vertrag gilt bis 2031. Es sei denn, er wechselt nach dem Rauswurf von Kollege Markus Hinterhäuser zu den Salzburger Festspielen. Aber das ist eine andere Geschichte.MARKUS THIEL