Aus dem Nebel der Geschichte

von Redaktion

Lilli-Hannah Hoepner inszenierte Heiner Müllers „Hamletmaschine“ fürs Brechtfestival in Augsburg

Wo ist der Platz des intellektuellen Zauderers? Szene aus der „Hamletmaschine“ mit Ute Fiedler. © Jan-Pieter Fuhr

Wie Sie sehen, sehen Sie nichts. Dafür stehen die Sätze wie wuchtige Skulpturen im Raum. Lilli-Hannah Hoepner inszenierte Heiner Müllers „Hamletmaschine“ aus dem Jahr 1977 fürs Staatstheater Augsburg; die Produktion ist im Rahmen des Brechtfestivals entstanden und kam auf der Brechtbühne im Gaswerk heraus.

„Man muss die Toten ausgraben, wieder und wieder, denn nur aus ihnen kann man Zukunft beziehen“, war Müller (1929-1995) überzeugt. Er hat genau das in seinem Werk getan: die Geschichte befragt, die Mythen, die großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Wie gegenwärtig seine Texte sind, wie viel sie erzählen – auch über unsere Gegenwart: Das macht dieser intensive, einstündige Augsburger Abend deutlich. Endlich spielt mal wieder jemand Müller!

Hoepner nimmt das Postulat des Dramatikers sehr sinnlich ernst – und setzt die Bühne unter dichten Nebel. Da zu Beginn wirklich nichts zu erkennen ist, liegt die Konzentration auf der Sprache. Gerade mal neun Reclam-Seiten umfasst die „Hamletmaschine“: Der Autor hat alles radikal reduziert, um sein Drama maximal zu fokussieren. Vor dem Hintergrund von Shakespeares „Hamlet“ denkt er über vieles nach: den Aufstand der Ungarn gegen die kommunistischen Machthaber 1956, die eigene Rolle als Intellektueller in der DDR, über den „Ekel“ vor sich selbst im Angesicht der eigenen Privilegien. Selbst Privatestes, etwa den Suizid seiner ersten Frau Inge im Jahr 1966, verarbeitete Müller in seinem Drama. Zugleich erzählt er eine enorme Emanzipationsgeschichte, die er an Ophelia festmacht. Diese wehrt sich gegen männliche Zuschreibung und Zugriff, ruft stattdessen das „Europa der Frau“ aus. Aus der Figur, die bei Shakespeare unter den Erwartungen des Hofstaats und aufgrund von Hamlets Zurückweisung keinen anderen Ausweg sieht, als sich zu ertränken, wird bei ihm Elektra, die Rächerin.

Es ist also ein dicht gewebter, assoziationsreicher Text, dem die Regisseurin mit Respekt begegnet. Dabei verlässt sie sich zu Recht auf die beiden Schauspielerinnen Ute Fiedler und Jenny Langner sowie deren Kollegen Julius Kuhn und Kai Windhövel. Müller-Sätze laden aufgrund ihrer konzentrierten Kargheit ja zu Pathos ein. Sie so zu sprechen, wäre indes ein Fehler – das Ensemble ist sich dessen bewusst und tappt in keinem Moment in die Falle. Ob solo oder im Chor: Der Text wird vorzüglich gestaltet. Nur dadurch kann sich dieses traumtänzerische Spiel entwickeln, das Figuren und Momente dem Nebel der Geschichte entreißt.MICHAEL SCHLEICHER

Weitere Vorstellungen

sind im Mai geplant und werden unter staatstheater-augsburg.de bekannt gegeben.

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