„Erschreckend aktuell“

von Redaktion

Barbara Wysocka inszeniert an der Staatsoper Verdis „Rigoletto“

Barbara Wysocka, Regisseurin und Schauspielerin. © Pustola

„Es ist ein System, das die Menschen scheinbar akzeptiert haben“: Szene aus der Münchner Produktion von Barbara Wysocka, Premiere ist am Samstag. © Geoffroy Schied

Die Handschrift von Barbara Wysocka kennt das Publikum der Bayerischen Staatsoper von ihrer Inszenierung der „Lucia di Lammermoor“. Nun hat sich die polnische Regisseurin mit Giuseppe Verdis „Rigoletto“ einen weiteren Klassiker des italienischen Repertoires vorgenommen. Premiere ist am kommenden Samstag, Maurizio Benini dirigiert.

Fühlen Sie sich am Nationaltheater schon daheim?

Das Team und die technische Mannschaft sind einfach großartig. Es macht großen Spaß, hier zu arbeiten, weil ich das Gefühl habe, dass man nicht einfach nur mal wieder einen „Rigoletto“ machen will. Mit schöner Musik und schönen Bildern. Es geht allen darum, dass wir auch die Relevanz der Geschichte für unsere heutige Gesellschaft zeigen.

Das hatten einst auch Verdi und sein Ideengeber Victor Hugo im Sinn. Hat die damalige Zensur den brisanten Stoff verwässert?

Hugos Schauspiel „Le roi s’amuse“ wurde gleich nach der ersten Aufführung verboten, weil er offen den König kritisierte. Verdi und sein Librettist haben daraus gelernt und den Fokus vom Herzog auf Rigoletto verlegt. Trotzdem ist auch die Oper immer noch sehr kritisch darin, wie sie Machtverhältnisse und Abhängigkeiten beschreibt.

Der Herzog im Stück ist einer jener Machtmenschen, die sich selbst über dem Gesetz sehen und scheinbar mit allem davonkommen. Da muss man wohl nicht lange nach Parallelen zu unserer Zeit suchen oder?

Die Herausforderung liegt eher darin, die Geschichte so zu erzählen, dass es sich nicht mit dem doppelt, was wir gerade täglich in den Nachrichten sehen. Es ist im Grunde erschreckend, wie aktuell sich „Rigoletto“ anfühlt, weil sich an den Grundproblemen kaum etwas verändert hat. Macht geht immer noch viel zu oft Hand in Hand mit Machtmissbrauch. Und das auf unterschiedlichsten Ebenen. Nicht nur bei Politikern.

Also werden wir bei Ihnen keinen Trump oder Epstein auf der Bühne sehen?

Nein! Zumindest nicht eins zu eins. Wir arbeiten auf einer sehr abstrakten und weitgehend leeren Bühne, weil es mir vor allem um die Beziehungen zwischen den Charakteren geht. Aber ich denke, das Publikum ist klug genug, um selbst die Parallelen zu erkennen. Oder zumindest hoffe ich das. Denn das Problem beschränkt sich ja nicht auf diese beiden Namen allein. Es ist ein System, das die Menschen scheinbar akzeptiert haben.

Welche Stellung nimmt der Hofnarr Rigoletto in diesem System ein?

Das ist eine der zentralen Fragen. Natürlich steht er im ersten Akt aufseiten des Herzogs. Aber was ihn von den anderen Männern am Hof unterscheidet, ist die Tatsache, dass er gleichzeitig seine Tochter Gilda hat, die er vor eben diesem System beschützen will. Er könnte das vielleicht sogar, wenn er den Herzog entlarven würde. Aber leider findet er zu spät seine innere moralische Stimme.

Entdeckt er wirklich seine moralische Seite? Oder sinnt er nur deshalb auf Rache, weil das System, von dem er selbst lange profitiert hat, sich plötzlich gegen ihn wendet?

Wenn wir in den Text schauen, sehen wir, dass auch Rigoletto das System hasst. Nur findet er leider nicht den Mut, sich dagegen aufzulehnen. Es ist ein kompliziertes Stück. Alle Charaktere tragen gewissermaßen Masken und verstellen sich. Rigoletto versteckt seinen Schmerz und plant im Stillen einen Rachefeldzug. Aber schon seit den großen griechischen Tragödien wissen wir, dass Rache selten Probleme beseitigt, sondern meist nur neue verursacht.

Als Gilda wird Serena Sáenz ihr Rollendebüt geben und bringt somit keinen „Ballast“ aus anderen Produktionen mit. Hat Ihnen das geholfen, den eingefahrenen Klischees entgegenzuarbeiten?

Serena ist großartig. Wir haben schon bei der Wiederaufnahme meiner „Lucia“ in Barcelona zusammengearbeitet. Sie ist nicht nur eine wundervolle Schauspielerin und Sängerin, sondern einfach ein wundervoller Mensch. Es war uns beiden wichtig, Gilda eine gewisse Stärke zu verleihen.

Lässt sich Gilda aus ihrer Opferrolle befreien, oder ist sie dem Herzog wirklich so verfallen, dass sie für ihn in den Tod geht?

Für mich beginnt Gildas Geschichte nicht mit dem Herzog. Deshalb zeige ich am Anfang, wie Rigoletto sie in ihrem Zimmer einschließt. Er macht das, um sie zu schützen. Gleichzeitig nimmt er ihr damit auch das Recht, selbst die Welt zu entdecken. Sie weiß, dass da draußen noch mehr ist und das Leben anders sein sollte. Deshalb ist ihr Tod bei Victor Hugo auch weniger ein Opfer, sondern eher ein Selbstmord. Sie tut das nicht aus naiver Schwärmerei. Es ist die erste freie Entscheidung, die sie trifft, weil sie ohne Liebe nicht weiterleben will.

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