Der Posterboy will tanzen

von Redaktion

Das neue Album von Harry Styles ist von Berlins Technokultur beeinflusst

Hände hoch und Hüfte raus! Harry Styles bei den Brit Awards Anfang der Woche. © ADRIAN DENNIS / afp

Woran merkt man, dass man alt wird? Ein erstes Zeichen könnte sein, dass man zwar noch ununterbrochen küsst – aber die Disco-Besuche doch deutlich abnehmen. Wird Harry Styles am Ende alt? Nein, darauf lässt sein neues, bislang bestes Album nicht schließen, im Gegenteil. Auch wenn es „Kiss all the Time. Disco, occasionally“ heißt. Bei Harry Styles muss man es andersherum lesen: Geknutscht wird eh in einer Tour – aber neuerdings auch in der Disco.

Am Wochenende staunte die Pop-Welt über seinen Auftritt bei den Brit Awards. Styles und seine Tänzer performten etwas wie rhythmische Sportgymnastik mit viel Winke-Winke und fließenden Armbewegungen. Dazu spielte er „Aperture“, ein pulsierendes, euphorisches Stück, das auch das neue Album eröffnet und wirkt wie ein Sonnenstrahl, der nach einer durchtanzten Nacht im „Berghain“ über der Berliner Oberbaumbrücke durchbricht. Kein Zufall, sah man Styles im vergangenen Jahr doch ständig in der Bundeshauptstadt – er soll sich da auch ein Haus zugelegt haben, und er ließ wissen, dass ihn die Techno- und Clubkultur stark beeinflusst habe. „We belong together!“, ruft er im Gospel-Refrain – und ist wieder bei seinem Markenkern.

Denn der heute 32-jährige Brite machte sich einen Namen als Posterboy der woken Generation. Der große zeitgenössische Weltstar, der Achtsamkeit und Queerness wirklich auch lebt. Sein Konzert vor drei Jahren im Münchner Olympiastadion, eine bunte, sorglose Party, wirkte wie eine Befreiung nach der Pandemie, die gerade die Jugendlichen so gebeutelt hatte.

Die Sorgen sind nicht weniger geworden, wie wir wissen, aber Harry hält dagegen. Seine Musik ist wie ein „Safe Space“ in Zeiten, in denen die Marktschreier in Politik und Sozialen Medien Unmenschlichkeit propagieren, als gäbe es kein Morgen. Stilistisch hat Styles nach seinen ersten Gehversuchen im Korsett der Boyband One Direction einen erstaunlichen Weg zurückgelegt. Den funky Siebziger-Pop seiner Durchbruchs-Alben hat er hinter sich gelassen und ist nun unter Mithilfe der Produzenten Fred Again und Kid Harpoon tatsächlich bei etwas angekommen, zu dem man im Club zappeln kann.

Das ist sehr vielschichtig. Mal hört man zarte Anklänge an Daft Punk, mal eher Verweise an Indie-Elektroniker der Nullerjahre wie LCD Soundsystem („Ready, steady, go!“) und Hot Chip. „The Waiting Game“ spannt eine Folk-Gitarre, Beatles-Harmonien und dezente Breakbeats zusammen. Titel wie „American Girls“ und „Pop“ erweisen sich derweil als clevere Mogelpackungen. Denn das sind keine Party-Banger, wie man meinen könnte, sondern zum schlurfenden Beat erzählte Geschichten.

Den Texten merkt man an, dass Styles sein Star-Dasein auch als Bürde sieht. Er singt vom Leben auf der Kippe und gut gefütterten Therapeuten („Are you listening yet“), vom Star-Image, das die eigene Person zu überlagern droht („Paint by Numbers“). Aber bei aller Grübelei gilt doch: Auf der Tanzfläche kann man Tränen und Schweißtropfen nicht voneinander unterscheiden – also: „We want to dance with all our Friends!“ („Dance no more“).

Zumindest Teile des Albums hat Styles in den Berliner Hansa-Studios aufgenommen, in denen David Bowie ab Mitte der Siebziger seine experimentellste Phase auslebte. Am Ende wird Harry also nicht alt, sondern zum alten Meister. Aber dafür hat er ja nun wirklich noch Zeit.JOHANNES LÖHR

Harry Styles:

„Kiss all the Time. Disco,
occasionally“ (Sony).
Netflix zeigt ab Sonntag, 20 Uhr, die erste Live-Performance des Albums, die am Freitagabend in Manchester über die Bühne ging.

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