UNSERE KURZKRITIK

EU-Beamter zieht die Reißleine

von Redaktion

Dass seine neue Novelle gerade in Brüssel beginnt, ist bei Robert Menasse alles andere als Zufall. Der 1954 in Wien geborene Autor hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einer Art „Mr. Europa“ entwickelt. In „Die Lebensentscheidung“ ist Menasses Protagonist EU-Beamter in Brüssel. An einem Wintertag, während draußen Traktoren das Europaviertel lahmlegen und der Green Deal weichgespült wird, zieht dieser Franz Fiala die Reißleine: Er kündigt seinen Job bei der Kommission. Doch zurück in Wien merkt er schnell: Das Leben lässt sich nicht so einfach per Formular in den vorgezogenen Ruhestand verabschieden. Fiala ist ein kleinbürgerlicher Aufsteiger. Erzählt wird alles mit feinem, oft trockenem Humor, mit liebevoll bösen Beobachtungen. Unterm Strich glückt eine kompakte, kunstvoll gebaute Novelle darüber, wie europäische Geschichte, politische Überzeugung und familiäre Bindungen in einem einzelnen Leben aufeinanderprallen.DPA

Robert Menasse:

„Die Lebensentscheidung“. Suhrkamp, 158 Seiten; 22 Euro.


★★★★★ Hervorragend

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